Samstag, 7. Dezember 2013

Das Bedürfnis ist thetisch.


 

'Bedürfnis' ist bei Marx eine dynamische Kategorie. Es ist das poietische Vermögen, durch welches das Subjekt sich selbst als Subjekt 'setzt':

1. Landläufig ist 'Bedürfnis' ein Mangel, der aufgefüllt, ein Loch, das noch gestopft werden muss. Je bedürftiger der Mensch, umso ärmer. Aber nicht bei Marx: "Der Reichtum besteht stofflich betrachtet nur in der Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse." Grundrisse, S. 426. Bedürfnis ist kein Mangel, sondern ein Vermögen. 

2. Die Erzeugung des neuen Bedürfnisses "ist die erste geschichtliche Tat": Deutsche Ideologie (Feuerbachkapitel), MEW 3, S. 28. Einige Zeilen zuvor hatten Marx/Engels schon einmal eine 'erste geschichtliche Tat' vermerkt, nämlich den Gebrauch von Werkzeugen. Zwar nicht logisch, aber doch historisch verstanden, läuft es freilich auf dasselbe hinaus. Es sind die Erfindung und der Gebrauch von Werkzeugen, die es dem Menschen erlauben, sein vor-gesetztes Naturbedürfnis über-zu-erfüllen – und Raum schaffen für das Erfinden neuer Bedürfnisse. "Ihre Bedürfnissse, also ihre Natur", heißt es später in der Deutschen Ideologie, und von einer selbsterzeugten Natur ist also die Rede: generatio aequivoca.*

'Bedürfnis' nimmt bei Marx systematisch denselben Platz ein wie bei Fichte Trieb bzw. Streben, und entspricht der Husserl'schen Intentionalität.**

*) MEW 3, S. 44  

in 2010

**) Und nicht zu vergessen: Platos Eros, der ewig 'nach Schönheit strebt, weil er sie nicht hat'.  


 

Freitag, 6. Dezember 2013

Absicht und Einfachheit.


K. Malevitch, Schwarzer Kreis, 1923

Einfachheit ist kein Attribut des Wirklichen. Im Gegenteil, auszeichnendes Merkmal der Erscheinungswelt ist - von den Eleaten bis Kant - das Mannigfaltige. Das Einfache 'gibt es' immer nur als Erzeugnis einer Denkarbeit. Es ist Ergebnis des Prozesses von Reflexion und Abstraktion. Es handelt sich wohlbemerkt um ein und denselben Prozess: Wer auf das Eine absieht, sieht dabei von dem Andern ab.

Das Ein-fache, das dabei zustande kommt, ist ein Ein-seitiges, gewiss doch: Es ist ja Resultat einer Absicht. Ist die Absicht gerechtfertigt, so ist es auch die dazu gehörige Einseitigkeit. 'Kritisch'  ist das Denken nicht, wenn es Einseitigkeit vermeidet; denn ohne Vereinfachung ist gar kein Denken. Sondern indem es die zu Grunde liegende Absicht ausspricht und ihre Berechtigung prüft. Rechtfertigen kann sich die Absicht aber wieder nur durch ihr Ergebnis.

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Vernunft ist nichts als…


Fischer-Technik; Copyright Fachhochschule Dortmund

…Verstand im Dienst der ästhetischen Urteilskraft.

Der Verstand ergründet die Dinge und ihre Verhältnisse zueinander. Die Vernunft fragt, was ich unter ihnen zu suchen habe.


Mittwoch, 4. Dezember 2013

Digitalisieren heißt fungibel machen.



Uwe-Jens Kahl_pixelio.de 

Ein Symbol ist ein 'digit': ein Zeichen für einen 'content', dessen sachliche Gestalt in keinerlei Verhältnis zu dessen sinnlicher Erscheinungsform zu stehen braucht. Ein Wort ist so ein Symbol, oder ein X oder ein U oder eine Zahl. (Dass das digitale Denken mit dem Zählen begonnen hätte, bestreite ich. Die ersten 'Zahlen' waren Ordnungszahlen: erst eins, danach ein zweites, usw.; sie bezeichnen eine Folge in der Zeit - und die wird analog 'angeschaut': im Bild der Bewegung).

Das wirkliche Denken geschieht überhaupt nicht digital. Das wirkliche Denken geschieht nicht diskursiv. Das wirkliche Denken geschieht in einer Kaskade von unfassbaren Bildern. Erst in der Reflexion, die das Denken des Denkens ist, werden die Bilder 'begriffen': fest-gestellt und ein-gegrenzt (de-finiert). Das diskursive Denken ist die Form der Reflexion. Aber die Reflexion ist sekundär, sie bezieht sich auf ('metà') das anschauliche Denken als ihren Stoff. Allerdings kann erst sie das anschauliche Denken nach richtig oder falsch unterscheiden. Mit andern Worten, ohne sie ist es zu nichts zu gebrauchen.

aus e. online-Forum, im Juni 2010 

Dienstag, 3. Dezember 2013

Aber freilich macht die Natur Sprünge.

Dieter, pixelio.de
 

... Von Bewußtsein zu reden, ist mir schon etwas zu eilig. In unserm "Gewärtigsein von..." ist allerhand, das im (reflektierenden) Bewußtsein nicht (mehr) vorkommt. Wolf Singer und Gleichgesinnte scheuen sich nicht, allgemein von "Geist" zu reden, und in dem Punkt würde ich ihnen nicht widersprechen.

... "Geist=Absicht", hat der Urromanitker Friedrich Schlegel in einem "Fragment" geschrieben. "Intentionalität" wurde in der phänomenologischen Philosophie von Edmung Husserl die spezifisch menschliche Zugewandtheit zur 'Welt' und zu den 'Dingen' genannt.

Daß dem ein sogenanntes materielles Substrat zu Grunde liegt; daß das, was sich zwischen den Neuronen im Gehirn abspielt, die Voraussetzung dafür ist, daß wir nicht nur auf Reize reagieren, sondern auf das eine und von dem Anderen absehen können, wird auch ein Gottgäubiger nicht bestreiten wollen. Aber daß der Geist, weil er aus den physiologischen Vorgängen im Gehirn herkommt, auch selber nichts anders ist als ein physiologischer Vorgang, ist ein gedankenloses Dogma. Wolf Singer trägt dafür nur ein einziges Argument vor: "Die Natur macht keine Sprünge."

... Gerade im ganz kleinen Bereich macht "die Natur" kaum etwas anderes.* Auch Wolf Singer wird ja wissen, welcher Sprung passiert, wenn ein Atomkern auseinander gerissen wird. Das macht "die Natur" aber nicht von allein? Na schön, dann reden wir davon, was passiert, wenn zwei Atomkerne fusionieren: Das macht "die Natur" von allein! Sonst gäbe es kein Licht auf der Erde. Wenn man es aber auf der Erde nachmachen würde - na, wenn das kein "Sprung" wäre! Danach bräuchten wir bald kein Licht mehr auf der Erde...

Das ist eine uralte Vorstellung, daß der Geist eine Art verdünnte, "vergaste" Materie sei, da hat die Hirnphysiologie gar nichts hinzu erfunden. Aber wenn dem so wäre, dann müßte sich - weil die Natur ja keine Sprünge macht! - der Vorgang umkehren lassen und müßten sich Vorstellungen zu Materie verdichten lassen. Wer weiß, vielleicht könnte man aus besonders edlen Gedanken sogar Gold machen? Das wäre der endlich gefundene Stein der Weisen.

Ich stimme auch zu, daß das nicht eine theoretische Diskussion um Kaisers Bart ist, sondern eine praktische Diskussion um die Willensfreiheit. Es geht nicht darum, ob es theoretisch wahr ist, daß unsere Willensakte "durch Freiheit" zustandekommen - und zu welchem Prozentsatz; sondern darum, daß es praktisch richtig ist, daß einer sein Leben so führt, als ob er für sein Tun und Lassen durch freie Wahl selbst verantwortlich ist. So hat es Kant gesehen, so hat es Fichte gesehen, und so haben es die Romantiker gesehen, bevor sie sich im Biedermeier ruhigstellen ließen.
 


aus e. online-Forum, 24. 9. 07


*) Es beginnt bei den ganz elementaren, aber oft missverstandenen "Quantensprüngen". Auf denen beruht unsere Welt, unser Mesokosmos.

Montag, 2. Dezember 2013

"Reizverarbeitung".


Rosel Eckstein / pixelio.de

Die Welt ist nicht alles, "was der Fall ist". Unmittelbar begegnet sie uns als ungestalter, unendlicher Strom des Erlebens. "Reizverarbeitung", sagt der Neurowissenschaftler. Das Erleben ist nicht an sich zusammengesetzt aus einer Reihe von Erlebnissen. Ein Erlebnis zeigt sich erst, wenn die Reflexion  willkürlich einen 'Punkt' aus dem Strom herausgreift und ihn künstlich gegen die andern abgrenzt. Doch nicht erst die Punkte – der Strom selbst wird im Verlauf der Verarbeitung nicht nur 'gemerkt', sondern als dieses Erleben bewertet. 

Das weiß auch der Neurowissenschaftler und kratzt sich am Kopf: weil er nicht weiß, wie das geschieht, und das heißt für ihn: wo das geschieht. Anzunehmen ist, dass auch dies nicht in einem Zentrum im Gehirn passiert, sondern, wie alle Reizverarbeitung, systemisch erfolgt innerhalb einer beständig wechselnden Konstellation zahlreicher Zentren. Die 'Inselrinde' im praefrontalen Cortex  (das Geschmackszentrum) wird irgendwie beteiligt sein, auch das limbische System und der 'Mandelkern' (Amygdala) spielen mit. Und welche Rolle spielt das "Bauchhirn" (Sonnengeflecht, Plexus solaris) um das Zwerchfell herum? Und: spielt es sie autonom oder seinerseits 'gesteuert' von den neueren, 'höheren' Gehirnpartien?  Spielt es in einem systemischen Vorgang überhaupt eine Rolle, welche Partie älter und niederer, und welche neuer und höher ist? Der Vorgang als Ganzer ist ein 'moderner' und könnte ohne Mitwirkung rezenter Partien gar nicht stattfinden.

Und sobald das Erleben in der Reflexion bewusst gemacht und in isolierbare Erlebnisse seziert wurde, tritt es ein in das Netz der Symbole, die ihrerseits wertend wirken und das Erleben "einfärben".

Auch hier sagt der Neurowissenschaftler "Reizverarbeitung" – weil er sich qua Fach auf diese Betrachtungsweise einmal festgelegt hat.

aus e. Notizbuch, um 2002? 

Nota

Mit der Formel, die Welt sei 'alles, was der Fall ist', hatte Wittgenstein natürlich nichts empirisch Wahrnehmbares gemeint, sondern das, was logisch 'der Fall ist'.

Samstag, 30. November 2013

Zählen und messen und werten und schätzen.


S. Hofschlaeger, pixelio.de

..."Dieser Gedanke ... setzt als selbstverständlich voraus, daß Qualität und Quantität Grundeigenschaften der wirklichen Naturvorgänge sind. Das ist aber eine durchaus oberflächliche Anschauung. In unseren Erlebnissen sind uns nur qualitative Unterschiede gegeben. Den Unterschied zwischen 'Groß' und 'Klein' erleben wir zunächst nicht anders als den zwischen rot und blau. Erst durch die Zuordnung von Zahlen zu den Erlebnissen wird ein System von Zustandsgrößen geschaffen, zwischen denen quantitative Beziehungen bestehen." 
Philipp Frank, Das Kausalgesetz und seine Grenzen (Wien 1932)*, **

Erst die Arbeitsgesellschaft hat Messen und Kombinieren so in den Vordergrund treten lassen, daß der eigentlich-poietische 'Anteil' des Geistes - der eigentlich sein Grund ist - als ein uneigentliches Residuum in den Hintergrund tritt. Vollends mit dem Beginn der industriellen Kultur, wo Fragen nach dem "Wesen" (quale) im Zuge der 'Entmythologisierung' und 'Entzauberung der Welt' als "metaphysisch" direkt abgewiesen werden. Das postmoderne "Anything goes" ist nur der Punkt auf dem i. Es ist überhaupt nicht "post". Es verweist die Frage nach den Qualitäten endgültig unter die Spielereien; freilich - wenn sie "funktionieren", why not?

Dieses "Residuum" wird 'bestimmt' (ex negativo: als das uneigentlich-Überschüssige) als "das ästhetische Erleben".

Daher die Unmöglichkeit, das Ästhetische positiv zu "definieren": Es ist eben nicht "positiv", sondern negativ bestimmt: als Ausschluß von dem, was für die Welt der Arbeit "nicht nötig" ist. Im Laufe der Entfaltung der Arbeitsteilung und galoppierend seit der Industrialisierung wurde das immer mehr.

Nota. Die Bereitschaft, Bedeutungen zu erfinden über das unbedingt Nötige hinaus - Abenteuer, Spiel, Risiko - ist stammesgeschichtlich auf der männlichen Seite der Gattung stärker ausgeprägt; weshalb der Umstand, daß allein diejenige Gattung, wo das Männliche einen relativ autonomen 'Stand' erworben hat, diejenige war, die den Sprung in die Welt gewagt hat. Und weshalb die 'ästhetischen' Tendenzen bis auf den heutigen Tag im männlichen Teil stärker ausgeprägt sind als im weiblichen. (Sollte sich das künftig ändern, tant mieux.)

*) neu Ffm. 1988, S. 155

aus e. Notizbuch,14. 7. 2005
  
**) Ob ich reichlich zu essen habe oder nicht genug, ist der Qualitätsunterschied von satt und hungrig.