Mittwoch, 7. März 2018

Die Wissenschaftslehre ist keine Metaphysik.


 
Die Wissenschaftslehre ist keine logische Metaphysik. Sie stellt nicht die Welt, wie etwa Hegel, dar als ein systematisches Verzeichnis der denkbaren Begriffe. 

Sie ist die Genealogie der notwendigen Vorstellungen.

Notwendig aber nicht aus
einem (vor)gegebenen Grund, sondern für einen (selbst)gegebenen Zweck: das tatsächliche Bewusstsein zu erklären. Weil jenes zum Ergebnis der wirklichen Entwicklung der Vorstellungen geworden ist, muss jene Entwicklung diesen Weg genommen und an diesem Punkt begonnen haben.

Die Wissenschaftslehre ist immanent, aber so bleibt sie nicht. Sie wird transzendental, indem sie unter den wirklichen Vorstellungen deren notwendige Prämissen aufsucht.

Für Fichte ist der Begriff lediglich Medium der Vorstellung. Er selbst leistet gar nichts. Es bleibt immer der Vorstellende, der leistet.

Und was ist das 'tatsächliche Bewusstsein'? Es ist nicht mehr und nicht weniger als alles, was über Dinge - Ge- genstände, Begriffe, Bilder - tatsächlich gedacht wird, vom gesunden Menschenverstand bis hin zu Teilchenphysik, Molekularbiologie und spekulativer Kosmologie: wirkliches Wissen und Wissenschaft. Wissenschaftslehre dage- gen ist - die Genealogie der Vorstellungen, die auf dem Weg dahin notwendig wurden.

22. 12. 14





Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Dienstag, 6. März 2018

Alles Beweisen geht aus von einem Unbewiesenen.


Alles Beweisen geht aus von einem Unbewiesenen. Was heißt beweisen? Es heißt doch wohl bei dem, der sich einen deutlichen Begriff davon macht, die Wahrheit eines Satzes an einen andern anknüpfen. Ich leite die Wahr- heit eines Satzes auf einen anderen über. 

Wenn aber dies Beweisen heißt, so muss es in den Menschen eine Wahrheit geben, welche nicht bewiesen wer- den kann und die keines Beweises bedarf, von der aber selbst alles andere abgeleitet wird; sonst gibt es keine Wahrheit, und wir werden ins Unendliche getrieben.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Haburg1982,  S.27


Nota. - Der postmoderne Schlaumeier sagt, Wahrheit gäbe es sowieso nicht, höchstens Wahrheiten. Doch dann wäre Wahrheit dasjenige, was all diesen Warheiten gemeinsam ist und sie als solche bestimmt - und Fichtes Satz gälte doch.
JE





Montag, 5. März 2018

Der Stoff, aus dem das Ich gemacht ist.

 
Dass sich ein Etwas als Ich gesetzt hat, indem es sich einen, d. h. einem Andern entgegengesetzt hat, darf ich als Tatsache annehmen, denn anders könnte es keine vernünftigen Leute geben. Wir denken dieses Etwas nicht, aber wir setzen es logisch voraus, indem wir uns wissen denken: Etwas, das weiß, ist ipso actu mitgemeint. Und wenn mich einer fragt, muss ich zugeben, dass ich mir das Etwas als eine Intelligenz vorgestellt habe.
 

So ist es wirklich. In der transzendentalen Darstellung sieht es ein klein wenig anders aus. Die kritische Reduk- tion kann zu dem X, das da gehandelt haben soll, keine Attribute finden; nicht, dass es dies noch dass es das gewesen sei. Nur was es getan hat, steht fest - es hat 'sich gesetzt'. Das wird aus eigner Vollmacht geschehen sein, also muss es unabhängig von allen sonstwie denk-, aber nicht wissbaren Eigenheiten die gehabt haben, dass es wollen konnte.

Was wirklich Intelligenz ist, die weiß, ist im transzendentalen Modell Wollen-überhaupt. Treten wir nun einen Schritt zurück und laden unsern gesunden Menschenverstand kritisch auf,* so bleibt in der Vorstellung zurück: Wissen-Wollen. 

Das ist der 'Stoff, aus dem das Ich gemacht ist'. Das transzendentale wohlgemerkt, jenes, das lediglich vernünf- tig ist und sonst nichts.


*) Die Einsichten des normalen, 'gemeinen' Standpunkts haben in der Transzendentalphilosophie keinen Platz. Was ich aber philosophierend erkannt habe, weiß ich auch als Normalmensch noch.



Sonntag, 4. März 2018

Vernunft und Wissen.

topgeo

Vernunft ist die Modalität des Wissens. Sie unterscheidet es von allem andern Meinen, Dafürhalten, Wähnen, Dünken und so weiter. Wissen in specie ist die intentionale Hinwendung zur Welt, die im Modus der Vernunft steht. Vernünftig ist eine Intelligenz, sofern sie nach dem Kanon der Wissenschaftslehre verfährt.




Samstag, 3. März 2018

Tous les genres sont bons, sauf l'ennuyeux.

F. X. Messerschmidt, Gähnen

25. Muth zur Langweiligkeit. — Wer den Muth nicht hat, sich und sein Werk langweilig finden zu lassen, ist gewiss kein Geist ersten Ranges, sei es in Künsten oder Wissenschaften. — Ein Spötter, der ausnahmweise auch ein Denker wäre, könnte, bei einem Blick auf Welt und Geschichte, hinzufügen: "Gott hat diesen Muth nicht; er hat die Dinge insgesammt zu interessant machen wollen und gemacht." 
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Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, Band II, 2. Ausgabe


Nota. - Voltaire war ein geistreicher Franzose, Nietzsche ein tiefsinniger Deutscher; soviel über National-charakter. 
JE






Freitag, 2. März 2018

Der letzte Mythos.


keltisch

Die Wissenschaftslehre stellt dar, was im Denken passiert sein muss, damit es zum Bewusstsein seiner selbst gelangen konnte. Erzählt sie es nach, als ob es wirklich so passiert wäre? Sie erzählt es, als ob es so passiert wäre – nicht wirklich, sondern als Mythos, eine Denkfigur, aus der wir uns eine Vorstellung machen sollen. Mehr ist nicht drin.

Ein letzter Mythos sei diese "Geschichte, die von dem spielenden oder abenteuernden oder bildnernden Ursub-jekt handelt", hat Hans Blumenberg es ausgedrückt.*

*) H. Blumenberg, Arbeit am Mythos, Frankfurt a. M., 1999, S. 295f.


16. 11. 15

Donnerstag, 1. März 2018

Konsens und öffentliches Wissen.

nationalgeographic

Wissenschaft ist öffentliches Wissen, habe ich gesagt. Wissenschaftlich ist ein auf seine Gründe geprüftes Wissen. Das Medium der Prüfung ist Kritik. Öffentlichkeit ist eo ipso Kritik; eine ununterbrochene, immer wieder neu beginnende Überprüfung von Gründen.

Das ist keine Konsensfindung, sondern geradezu das Gegenteil. Der Konsens ist eine zufällige Anhäufung. Zufällig ist die Anzahl der Übereinstimmenden, zufällig ihre Zusammensetzung, zufällig sind die Meinungen, die sie mitbringen, zufällig sind die Meinungen, auf die sie sich verständigen. Da Verständigung gesucht wurde, blieb Kritisches unbenannt. Was richtig und was falsch ist, ist eine Sache bloßer Meinung, eine prüfende In-stanz gibt es nicht. 
Konsens ist angehäufte Privatmeinung. Sie können sich über lauter Falsches einig sein. Wenn sich eine Prüfung an der Realität ergibt, stieben sie auseinander.


Wissenschaftliche Öffentlichkeit verfährt nach dem Prinzip der biologischen Auslese. Erhalten bleibt nur, was sich bewährt, was sich nicht bewährt, wird ausgemustert. Allerdings nur, was sich nicht bewährt: was der Kritik nicht standhält. Nicht das, was nur momentan nicht verwendbar ist: In der Natur wird auch das ausgeschieden, obwohl es unter neuen Bedingungen – veränderten Auslesekriterien – vielleicht noch brauchbar werden konn- te. In der Schriftkultur der Wissenschaft fällt das schlimmstenfalls in Vergessenheit; kann und wird wiederge- funden werden, weil die Wissenschaftler konkurrieren und auch das Fernstliegende für die Karriere verwertet wird. Und selbst was einmal als endgültig widerlegt erschien, kann wieder zum Vorschein kommen
gerade weil seine Überwindung einmal als ein großer Sieg der Wissenschaft ins Kollektivgedächtnis eingegangen ist. Zum Beispiel die Wiederauferstehung von Lamarck im Zeichen der Epigenetik.

Konsensbildung ist eine zufällige Kumulation auf Widerruf, Öffentlichkeit ist systematische Reduktion und Revision auf Dauer. 

22. 11. 15