Die Wissenschaftslehre ist keine logische Metaphysik. Sie stellt nicht die Welt, wie etwa Hegel, dar als ein systematisches Verzeichnis der denkbaren Begriffe.
Sie ist die Genealogie der notwendigen Vorstellungen.
Notwendig aber nicht aus einem (vor)gegebenen Grund, sondern für einen (selbst)gegebenen Zweck: das tatsächliche Bewusstsein zu erklären. Weil jenes zum Ergebnis der wirklichen Entwicklung der Vorstellungen geworden ist, muss jene Entwicklung diesen Weg genommen und an diesem Punkt begonnen haben.
Die Wissenschaftslehre ist immanent, aber so bleibt sie nicht. Sie wird transzendental, indem sie unter den wirklichen Vorstellungen deren notwendige Prämissen aufsucht.
Für Fichte ist der
Begriff lediglich Medium der Vorstellung. Er selbst leistet gar nichts.
Es bleibt immer der Vorstellende, der leistet.
Und was ist das 'tatsächliche Bewusstsein'? Es ist nicht mehr und nicht weniger als alles, was über Dinge - Ge- genstände, Begriffe, Bilder - tatsächlich gedacht wird, vom gesunden Menschenverstand bis hin zu Teilchenphysik, Molekularbiologie und spekulativer Kosmologie: wirkliches Wissen und Wissenschaft. Wissenschaftslehre dage- gen ist - die Genealogie der Vorstellungen, die auf dem Weg dahin notwendig wurden.
22. 12. 14
Nota. Das
obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie
der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.
Alles Beweisen geht aus von einem
Unbewiesenen. Was heißt beweisen? Es heißt doch wohl bei dem, der sich
einen deutlichen Begriff davon macht, die Wahrheit eines Satzes an einen
andern anknüpfen. Ich leite die Wahr- heit eines Satzes auf einen anderen
über.
Wenn aber dies Beweisen heißt, so
muss es in den Menschen eine Wahrheit geben, welche nicht bewiesen
wer- den kann und die keines Beweises bedarf, von der aber selbst alles
andere abgeleitet wird; sonst gibt es keine Wahrheit, und wir werden ins
Unendliche getrieben.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Haburg1982, S.27
Nota. - Der postmoderne Schlaumeier sagt, Wahrheit gäbe es sowieso nicht, höchstens Wahrheiten. Doch dann wäre Wahrheit dasjenige, was all diesen Warheiten gemeinsam ist und sie als solche bestimmt - und Fichtes Satz gälte doch.
JE
Dass sich ein Etwas als Ich gesetzt hat, indem es sich einen, d. h. einem Andern entgegengesetzt hat, darf ich als Tatsache annehmen, denn anders könnte es keine vernünftigen Leute geben. Wir denken dieses Etwas nicht, aber wir setzen es logisch voraus, indem wir uns wissen denken: Etwas, das weiß, ist ipso actu mitgemeint. Und wenn mich einer fragt, muss ich zugeben, dass ich mir das Etwas als eine Intelligenz vorgestellt habe.
So ist es wirklich. In der transzendentalen Darstellung sieht es ein klein wenig anders aus. Die kritische Reduk- tion kann zu dem X, das da gehandelt haben soll, keine Attribute finden; nicht, dass es dies noch dass es das gewesen sei. Nur was es getan hat, steht fest - es hat 'sich gesetzt'. Das wird aus eigner Vollmacht geschehen sein, also muss es unabhängig von allen sonstwie denk-, aber nicht wissbaren Eigenheiten die gehabt haben, dass es wollen konnte.
Was wirklich Intelligenz ist, die weiß, ist im transzendentalen Modell Wollen-überhaupt. Treten wir nun einen Schritt zurück und laden unsern gesunden Menschenverstand kritisch auf,* so bleibt in der Vorstellung zurück: Wissen-Wollen.
Das ist der 'Stoff, aus dem das Ich gemacht ist'. Das transzendentale wohlgemerkt, jenes, das lediglich vernünf- tig ist und sonst nichts.
*) Die Einsichten des normalen, 'gemeinen' Standpunkts haben in der Transzendentalphilosophie keinen Platz. Was ich aber philosophierend erkannt habe, weiß ich auch als Normalmensch noch.
topgeo
Vernunft ist die Modalität des Wissens. Sie unterscheidet es von allem andern Meinen, Dafürhalten, Wähnen, Dünken und so weiter. Wissen in specie ist die intentionale Hinwendung zur Welt, die im Modus der Vernunft steht. Vernünftig ist eine Intelligenz, sofern sie nach dem Kanon der Wissenschaftslehre verfährt.
F. X. Messerschmidt, Gähnen
25. Muth zur Langweiligkeit. —
Wer den Muth nicht hat, sich und sein Werk langweilig finden zu lassen,
ist gewiss kein Geist ersten Ranges, sei es in Künsten oder
Wissenschaften. — Ein Spötter, der ausnahmweise auch ein Denker wäre,
könnte, bei einem Blick auf Welt und Geschichte, hinzufügen: "Gott hat
diesen Muth nicht; er hat die Dinge insgesammt zu interessant machen
wollen und gemacht."
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Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, Band II, 2. Ausgabe
Nota. - Voltaire war ein geistreicher Franzose, Nietzsche ein tiefsinniger Deutscher; soviel über National-charakter.
JE
keltisch
Die Wissenschaftslehre stellt dar, was im Denken passiert sein muss, damit es zum Bewusstsein seiner selbst gelangen konnte. Erzählt sie es nach, als ob es wirklich so passiert wäre? Sie erzählt es, als ob es so passiert wäre – nicht wirklich, sondern als Mythos, eine Denkfigur, aus der wir uns eine Vorstellung machen sollen. Mehr ist nicht drin.
Ein letzter Mythos
sei diese "Geschichte, die von dem spielenden oder abenteuernden oder
bildnernden Ursub-jekt handelt", hat Hans Blumenberg es ausgedrückt.*
*) H. Blumenberg, Arbeit am Mythos, Frankfurt a. M., 1999, S. 295f.
16. 11. 15
nationalgeographic
Wissenschaft ist öffentliches Wissen, habe ich gesagt. Wissenschaftlich ist ein auf seine Gründe geprüftes Wissen. Das Medium der Prüfung ist Kritik. Öffentlichkeit ist eo ipso Kritik; eine ununterbrochene, immer wieder neu beginnende Überprüfung von Gründen.
Das ist keine Konsensfindung, sondern geradezu das Gegenteil. Der
Konsens ist eine zufällige Anhäufung. Zufällig ist die Anzahl der
Übereinstimmenden, zufällig ihre Zusammensetzung, zufällig sind die
Meinungen, die sie mitbringen, zufällig sind die Meinungen, auf die sie
sich verständigen. Da Verständigung gesucht wurde, blieb Kritisches
unbenannt. Was richtig und was falsch ist, ist eine Sache bloßer
Meinung, eine prüfende In-stanz gibt es nicht. Konsens ist angehäufte Privatmeinung. Sie können sich über lauter Falsches einig sein. Wenn sich eine Prüfung an der Realität ergibt, stieben sie auseinander.
Wissenschaftliche Öffentlichkeit verfährt nach dem Prinzip der
biologischen Auslese. Erhalten bleibt nur, was sich bewährt, was sich
nicht bewährt, wird ausgemustert. Allerdings nur, was sich nicht bewährt:
was der Kritik nicht standhält. Nicht das, was nur momentan nicht
verwendbar ist: In der Natur wird auch das ausgeschieden, obwohl es
unter neuen Bedingungen – veränderten Auslesekriterien – vielleicht noch brauchbar werden konn- te. In der Schriftkultur der Wissenschaft
fällt das schlimmstenfalls in Vergessenheit; kann und wird
wiederge- funden werden, weil die Wissenschaftler konkurrieren und auch
das Fernstliegende für die Karriere verwertet wird. Und selbst was
einmal als endgültig widerlegt erschien, kann wieder zum Vorschein
kommen – gerade weil seine Überwindung einmal als ein großer Sieg der
Wissenschaft ins Kollektivgedächtnis eingegangen ist. Zum Beispiel die Wiederauferstehung von Lamarck im Zeichen der Epigenetik.
Konsensbildung ist eine zufällige Kumulation auf Widerruf, Öffentlichkeit ist systematische Reduktion und Revision auf Dauer.
22. 11. 15