Freitag, 14. Juli 2017

Das Leben führen.



Dasein mit Tätigsein und Tätigsein mit Bestimmen gleichsetzen kann nur ein Lebensgefühl, das meint, in der Welt etwas besorgen zu müssen.

Das beginnt mit der christlichen Vorstellung vom Leben als einer weltlichen Pilgerfahrt. Der Erfolg ist nicht verbürgt, es kann scheitern. Die Gnade Gottes lässt sich nicht erwerben, ich kann mich ihrer höchstens würdig erweisen, indem ich mein Bestes versuche.


Die protestantische Ethik hat dann einen Auftrag zur weltlichen Karriere daraus gemacht, aber der Stachel saß einmal im Fleisch und sitzt dort bis heute.

Das ist nicht die Conditio humana selbst. Der antike Mensch fand seine Würde und Zufriedenheit viel eher in der Vita contemplativa, biós theorikós, in der Einsamkeit eher als in der Welt. Aus den mönchischen Einsiedlern des frühen Mittelalters wurden dann erwerbsfleißige Agrarindustrielle.

Die Vita activa und die ihr zugehörige Transzendentalphilosophie sind nicht überhaupt die passende Bewusst- seinsverfassung des christlichen Abendlands, sondern die es modernen Westens. Solange er die nicht aufgibt - und dazu gibt es keinen Anlass -, wird er dem Rest der Welt immer etwas fremd bleiben.





Donnerstag, 13. Juli 2017

Real ist nur das Bestimmen selbst; 'bestimmt' und 'bestimmbar' sind bloß Abstraktionen.


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Wirklich ist eigentlich immer nur das Schweben: das, wo Bewegung ist, wo etwas geschieht; es ist aktuale Tätigkeit. Ein Schweben zwischen Zweien: Die Fixpunkte werden als solche nur gedacht. Denn gedacht - ange- schaut und begriffen - werden kann das Wirkliche, das Tätigkeit ist, nur so; nur interpunktiert; nicht als Fluss, sondern in Sprüngen. Hier findet im Denken eine Umkehrung statt: Das Fixe, das nur gedacht wird, kommt dem Denken als das Eigentliche vor, die aktuale Tätigkeit, das "Schweben", als hinzugedachtes Akzidens.

Bestimmt und bestimmbar sind Reflexionsmomente. Real ist die Verlaufsform, das Übergehen vom Einen zum Andern; bestimmen.

Mittwoch, 12. Juli 2017

Bestimmen.


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Bestimmen ist das Schlüsselwort der Wissenschaftslehre; es heißt: ein Etwas zu einer Absicht in ein Verhältnis setzen.

Ist es ein Begriff? - Der quasi-ontologische Grundstein ist Tätigkeit, und was ist Tätigkeit? Es ist im weitesten Sinn das Übergehen vom Bestimmbaren zum Bestimmten. Worauf bezieht sich aber 'bestimmen'? Nicht aufs Sein; das ist oder ist nicht. Sondern auf Gelten oder auf Bedeutung oder das, was man an einem Seienden als sinnhaft finden kann.
 

Doch anders als das - da - Sein lässt sich Geltung nicht formalisieren. Nichts bedeutet "überhaupt", sondern immer nur dieses oder jenes; und nur diesem oder jenem. Es ist etwas Neues, das hinzukommt - zwar aus Bedin- gungen 'hervor gegangen', aber nicht aus ihnen zusammenengesetzt. Mit andern Worten: Logisch, nämlich aus definierten Begriffen und geprüften Verfahren, lässt es sich nicht herleiten. Darum nennt F. seine Darstellungs- weise eine genetische: Es sind sinnhafte, qualitative Setzungen, die sich nicht 'aus einander entwickeln', sondern die ein Tätiger generieren muss, wenn sie geschehen sollen, und deren sinnhafter Implikationen er sich erst in nachträglicher Reflexion gewiss wird.

Qualitäten lassen sich nicht definieren, dazu müssten sie in Relation stehen, aber dann wären sie relativ und nicht qualitativ. Man kann sie nur anschauen, indem man sie einbildend selbst hervorbringt.




Dienstag, 11. Juli 2017

Anschauen, Begriff und denken.


Magnus Enckell

Den sinnlichen Anteil an der Anschauung nennt Fichte Gefühl, Leiden: ein unfreier Zustand. Anschauen ist - als ein Reflektieren auf das Gefühl - ein Handeln, und geschieht aus Freiheit. (Kant hatte zwischen Anschauung und Sinnlichkeit noch nicht unterschieden.

Die Scheidelinie zwischen anschauen und denken markiert der Begriff. Und zwar geht es nicht darum, ob ich ihn 'richtig' gebrauche, so wie alle anderen in derselben Situation; sondern dass ich ihn mir vorsetze als Regel, wonach ich ihn konstruieren soll. Ich habe meine Anschauung gefasst heißt: Ich habe sie so auseinandergelegt, wie ich sie bei nächster Gelegenheit wieder zusammenzusetzen mir vornehme. Nun erst habe ich sie. Denn als Begriff ist er aus dem Zeitverlauf ausgeschieden, er ist 'im Raum' verfügbar geworden wie ein Rechenchip. Ich kann mit ihm operieren, ohne meine Einbildungskraft neu bemühen zu müssen; die vertrüge nämlich keine (Re-) Konstrukti- onsvorschrift

Empirisch handelt es sich wohl um den Akt der Digitalisierung. Jedoch: Die Transzendentalphilosophie be- schreibt nicht einfach, was geschieht, sondern will seinen Sinn deuten. Das ist kein bloßes Übersetzen aus der einen Sprache in die andere. Es ist - übrigens in beiden Richtungen - mehr als das.

Und nie vergessen: Wir treten in der Wissenschaftslehre aus der Vorstellung nie hinaus. Sie bleibt überall im- manent, sie ist Selbstaufklärung des Vorstellens. (Aber außerhalb des Vorstellens ist nichts weiter. - Oder alles, was es gibt, gibt es in der Vorstellung und durch die Vorstellung. Was ich mir nicht vorstellen kann, kann ich mir nicht einmal vorstellen.)


 

Montag, 10. Juli 2017

In der Vereinigung wird es getrennt und in der Trennung vereinigt, II.


In der Vereinigung wird es getrennt und in der Trennung vereinigt, beides ist nicht zu trennen.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 184


An dieser Stelle redet Fichte speziell vom Ich und seiner Doppelung in ein reales und ein ideales, aber es ist der Kerngedanke der Wissenschaftslehre überhaupt. Sie handelt überhaupt nur vom Vorstellen, aber im Besondern von seiner Bestimmung. Die Einbildungskraft ist gedacht als schlechterdings produzierend, aber damit das, was sie einbildet, zu etwas wird, muss die Reflexion es als ein solches bestimmen. Und das geht eben nur durch sein Unterscheiden in sich selbst. In der Vorstellung kann es zu diesem nur werden, wenn ich ihm sein Anderes entge- gen setze. Nur an einander finden sie Halt; durcheinander, genauer gesagt.

So vom Anfang der Wissenschaftslehre bis zu ihrem Schluss. 



Sonntag, 9. Juli 2017

Die anthropologische Voraussetzung der Wissenschaftslehre.


Leonardo

Die Wissenschaftslehre ist Begriff und Schema der Vernunft. Vernunft ist nicht an sich; sie 'hat ein Interesse': das Interesse an Freiheit und Selbstständigkeit. Was eigentlich 'erst' Ergebnis der praktischen Philosophie wäre, ist hier der Philosophie als ihr Motiv bereits vorausgesetzt; die Wissenschaftslehre ist eine Anthropologie.




Samstag, 8. Juli 2017

Das Bestimmen hat eine vordere und eine hintere Grenze.


Lothar Sauer

Bestimmt und unbestimmt haben nur in Bezug aufeinander einen Sinn. Nichts ist absolut bestimmt, nichts ist absolut unbestimmt. Jedenfalls nichts, was ich mir vorstellen kann.

Zu welchen Operationen eine Vorstellung taugt, kann ich nur prüfen, wenn ich sie bestimme, nämlich zum Begriff vereindeutige. Ich stelle mir die Figur eines Quadrats vor. Um sie zu begreifen, nämlich so, dass ich sie in meiner Vorstellung willkürlich wieder hervorrufen und sie womöglich einem Andern erklären kann, müsste ich sagen: eine geschlossene Figur aus vier gleichlangen Schenkeln. Dass sie nur zwei Dimensionen hat, dass sie vier rechte Winkel hat, muss ich nicht hinzufügen, es folgt aus der Prämisse. Mit dem so gefassten Begriff kann ich gedanklich operieren, dafür ist er hinreichend bestimmt. 


Um praktisch zu konstruieren - ein Haus etwa -, muss ich im Fortbestimmen den Begriff überschreiten und eine wirkliche Figur zeichnen, indem ich nämlich eine bestimmte Länge angebe, 23 mm zum Beispiel. Das ist nun kein Begriff mehr, sondern ein wirkliches Quadrat; ein Bild. Als ein solches kann ich es mir aber nicht vor- stellen; 23 mm, 53 mm, 87 mm? Das geht nur noch ungefähr, und auch nicht absolut, indem ich die Augen schließe, sondern nur relativ, indem ich auf ein vorhandenes Ding schaue und es zum Maßstab nehme. In der Wirklichkeit, als Bild, kann ich mir ein Quadrat nicht vorstellen, sondern muss es anschauen.

Mein Bestimmen hat seine Außengrenze in den Singulariis, die bestimmt sind wie alles Wirkliche, und seine Vordergrenze in dem Zustand, wo ich mir nichts mehr vorstelle - weil ich entweder mein Bewusstsein ruhen lasse oder weil ich mich ganz ins Anschauen versenke. Letzteres ist, was Schiller den ästhetischen Zustand nennt.

Wo nichts vorgestellt wird, gibt es nichts zu bestimmen. Wo schon alles bestimmt ist, gibt es nichts vorzu- stellen. 

Was immer zwischen Subjekt und Objekt geschieht, ist Bestimmung. Sie selber liegen außerhalb; es ist das Bestimmen, das sie zu dem macht, was sie sind.