Freitag, 7. Juli 2017
Inbegriff der Wissenschaftslehre.
Es gibt zwei Haupthandlungen des Ich; die eine, wodurch es sich selbst setzt und alles, was dazu erforderlich ist, also die ganze Welt. Die zweite ist ein abermaliges Setzen desjenigen, was durch jene erste Handlung schon gesetzt ist. Es gibt also ein / ursprüngliches Setzen des Ich und der Welt und ein Setzen des schon Gesetzten, das erste macht das Bewusstsein erst möglich und kann daher darin nicht vorkommen; das zweite aber ist das Bewusstsein selbst. Das zweite setzt sonach das erste voraus. Im zweiten wird sonach etwas gefunden, das ohne das Ich vorhanden, worauf das Ich reflektiert. Das erste, dessen Resultat das Ding ist; dadurch zeigt sich, was eigentlich Produkt des Ich ist.
Es wäre sonach zu unterscheiden eine ursprüngliche Thesis oder, da in ihr ein Mannigfaltiges gesetzt wird, eine ursprüngliche Synthesis, von der Analysis, wenn nämlich wieder auf das reflektiert wird, was in der ursprünglichen Synthesis liegt. Die gesamte Erfahrung ist nun bloße Analysis dieser ursprünglichen Synthesis. Das ursprüng- liche Setzen kann nicht im wirklichen Bewusstsein vorkommen, weil es erst die Bedingung der Möglichkeit alles Bewusstseins ist.
Dies ist der kurze Inbegriff, das Wesen und der Charakter der Wissenschaftslehre.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 9f.
Donnerstag, 6. Juli 2017
Das Wesen der Vernunft.
Deutsche FotothekDas Wesen der Vernunft besteht darin, dass ich mich selbst setze, aber das kann ich nicht, ohne mir eine Welt, und zwar eine bestimmte Welt entgegenzusetzen, die im Raume ist und deren Erscheinungen in der Zeit aufeinander folgen. Dies alles geschieht in einem ungeteilten Moment; da Eins geschieht, geschieht zugleich alles Übrige.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 8f.
Mittwoch, 5. Juli 2017
Das einzig Dauernde in all der Veränderung.
Alle Erfahrung ist ein beständiger Wechsel von Veränderungen. Woher nun das Fortdauernde, welches in den Erscheinungen erscheine? Jenes Dauernde ist nichts anderes, als das in allem Wechsel vorstellende Ich als das Handelnde, aber es erscheint qualis talis nicht, es erscheint objektiv, weil es in die Anschauung hereinfällt.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 91f.
Dienstag, 4. Juli 2017
Existenzialontologie.
Wir alle unterscheiden zwischen Dingen, die wir uns vorstellen, und Dingen, die sind. Warum glauben wir, dass es Vorstellungen gibt, denen seiende Dinge entsprechen?
Weil wir anders überhaupt nichts glauben könnten.
Doch wenn wir überhaupt nichts glauben würden, würden wir unser Leben nicht führen können, das aber müs- sen wir - anders als die vernunftlosen Tiere, die gar nichts zu glauben brauchen.
Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.
Montag, 3. Juli 2017
Das wahre Sein.
Ich kann mir nicht vorstellen, was wäre, wenn ich mir nichts vorstellen könnte.
Ich könnte nicht beurteilen, ob a dasselbe ist wie a, wenn ich mir a nicht vorstellen würde. Es gibt Vorstellung ohne Logik, aber ohne Vorstellen gibt es keine Logik.
Vorstellen ist on; die Besonderung ontos kommt erst hernach.
Sonntag, 2. Juli 2017
Um ihrer selbst willen.
Ajax und AchillesDies hat das Philosophieren mit Kunst und dem Spielen gemeinsam: dass es um seiner selbst willen geschieht.
Wozu sie in der Welt taugen, kann man die Resultate des Philosophierens fragen - sofern es zu solchen kommt; nicht aber das Philosophieren selbst. Der Philosophierer muss sich vor der Welt rechtfertigen, sofern sie ihn bezahlt, sonst nicht.
Für die Art des Philosophierens macht das einen Riesenunterschied.
Samstag, 1. Juli 2017
Anfang der Philosophie.
römischAm Anfang der Philosophie, sagt Plato, stünde das Staunen. Was ist das für ein intellektueller Akt? Es ist ein Fragen-schlechthin; ohne einen Gegenstand, nach dem es ja eben noch fragt, aber ohne auch einen Fragenden. Im Staunen ist der Fragende in seiner Frage ganz verloren.
Im ästhetischen Zustand sei der Mensch "gleich Null", sagt Schiller. Das Staunen ist ein ästhetischer Zustand, wo- möglich die Mutter der ästhetischen Zustände. Um zu philosophieren, muss man in ästhetische Stimmung kommen.
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