Mittwoch, 17. August 2016

Ironie und der transzendentale Standpunkt.


 Henning Hraban Ramm  / pixelio.de

"Ironie" = der transzendentale Standpunkt

"Von vorn" ist die Ironie "nichts als" die stilistische Erscheinungsform der permanenten Reflexion des Wissens im Angesicht des Unendlichen; "unendliche Reflexivität", mit JGF zu sprechen.

"Hintenrum" aber ist sie der gefundene "substantielle Standpunkt", der "sich ergibt", wenn der Reflexion ver-blüfft einleuchtet, daß sie ja, um reflektieren zu können, ein anderes ( = [Nicht-]Ich, Absolutes, "Standpunkt"...) immer schon "sich selbst" (logisch, topisch) vorausgesetzt haben muß, bevor sie mit "sich", ihrer Tätigkeit = Reflektieren, überhaupt anfangen konnte; daß diese sich-voraus-Setzung indes "in nichts begründet" ist als ihrem Entschluß, tätig zu werden; daß also "das Absolute", von dem sie ausgeht, um als auf einen Fluchtpunkt Alles "beziehen" zu können, doch eben - selbstgemachte Fiktion ist. "Verum et factum convertuntur." Aber factum et fictum convertuntur.

aus e. Notizbuch, 23. 10. 94


aus: Rüdiger Safranski, Romantik, eine deutsche Affäre: 

...Wie sollte nicht jeder Satz über das Absolute und Transzendente nur unter ironischem Vorbehalt gesprochen werden dürfen? Endliches zu sagen über das Unendliche kann und darf nur ironisch sein. Ironie gehört deshalb in jede Philosophie, die das Ganze zu begreifen versucht... "Ist sie nicht wirklich die innerste Mysterie der kriti-schen Philosophie?" ...



Sonntag, 14. August 2016

Wahr.


Jens Goetzke  / pixelio.de

"…(das und das und das…) ist zweifellos wahr." – Die Frage war aber nicht, was alles wahr sein mag. Die Aufzählung könnte bis ans Ende der Zeit nicht abgeschlossen werden. Die Frage ist vielmehr, woran man erkennt, ob etwas wahr ist.

[Man könnte sich Wahrheit als ein universell vorkommendes Stöffchen vorstellen, das den Dingen (Gegen- ständen, Sachverhalten, Gedanken…?) in unterschiedlich starker Dosis "beigegeben ist". Dann wäre Wahrheit ein Seiendes neben andern Seienden, denen es sich mitteilt oder nicht, und die ihm gegenüber folglich auch gleichgültig sein könnten: zugleich weder wahr noch unwahr; und das wäre ein Widersinn.]

Unter Wahrheit ist also nur der Modus, die Qualitas des Wahrseins zu verstehen. Die Sachen "stehen" in diesem Modus oder nicht, tertium non datur. Es ist der Modus des Geltens: Nur Aussagen können gelten oder "wahr sein", Dinge nicht. Aussagen über Dinge können wahr sein oder nicht.

"Wahr ist eine Aussage, wenn sie mit dem Sachverhalt übereinstimmt." – Das ist eine rein verbale Bestimmung. Sie hat keinen eigenen Inhalt. Denn was soll Übereinstimmung –  'adaequatio' – denn bedeuten? Das war doch gerade die Frage!

Um etwas zu bedeuten, bedürfte sie eines Dritten, eines Kriterion, eines Prüfsteins – und der wäre dann "das Wahre".

Gibt es einen solchen Prüfstein? –  Offenbar nicht.

Muss es ihn geben, damit etwas wahr oder unwahr sein kann? –  Offenbar.

Muss alles wahr oder unwahr sein? – Die Frage stellen heißt sie beantworten.

in 2007 



Samstag, 13. August 2016

Ob es Wahrheit gibt…




Die Frage, ob es Wahrheit überhaupt gibt, ist Unfug. Die Antwort darauf wäre, wie immer sie ausfiele, wahr oder unwahr. So kann man nur fragen, weil man sich von der Wahrheit längst eine Idee gemacht – und also die Antwort "in Wahrheit" schon vorausgesetzt hat. 

Da 'es' Wahrheit also 'geben' soll, 'muß' sie einen Grund haben. Und der muß sich in unserm Wissen auch auffinden lassen. Nicht so zwar, als ob er darin als eines seiner Stücke selber vorkäme; sondern als das, was übrigbleibt, wenn von allen tatsächlichen Wissensgehalten abgesehen wird: die allgemeine Form des Wissens überhaupt. 

Formen sind in Zeitlosigkeit geronnene Handlungen, in der Geometrie wie in der Logik. Der Grund des Wissens muß ein ursprünglicher Akt sein, actus purus. Er kann nichts anderes sein als jene 'Tathandlung', durch die das wirkliche Erleben sich 'anschaut' als eine Anteilnahme des Einen am Andern – wie an einer Aufgabe. 


Die Ur-Teilung von Ich und Welt "gibt es" nur als Problem. Es stellt sich dem, der es sich stellt. Es einem andern andemonstrieren kann er nicht. Aber er kann davon erzählen, als ob es ihm widerfahren wäre, wie einen Mythos: So muß es gewesen sein! Wissen, das darauf "gründet", bleibt problematisch. Daß es einen Sinn gibt in der Welt, ist eine Behauptung, die sich immer erst noch erweisen muß.

Februar 8, 2009





Freitag, 12. August 2016

Gibt es denn Wahrheit?


rike, pixelio.de

Ich meine nicht, dass "es" Wahrheit "gibt". Wer oder was könnte mit "es" gemeint sein? Und was sollte "geben" hier bedeuten? Dennoch haben alle Sätze, die ich sagen kann, nur dann einen Sinn, wenn ich unter-stelle, daß sie wahr sind.

Das ist offenbar ein Paradox. Das läßt sich nur… nein, nicht ausräumen, sondern lediglich: vor mir her schieben, indem ich sage, dass es Wahrheit geben soll. Natürlich kann ich aber den Dingen nicht vorschreiben, wie oder was sie 'sollen'! Der Satz 'Wahrheit soll sein, weil anders meine Sätze keinen Sinn haben' lässt sich anders formu-lieren: 'Du sollst reden, als ob es Wahrheit gäbe'. Das ist keine theoretische Tatsachenbehauptung, sondern eine praktische (pragmatische) Fiktion. 

Ob ich diese Fiktion logisch, ethisch oder ästhetisch nenne, ist an diesem fortgeschrittenen Punkt schon gleich-gültig. Es gibt allerdings Gründe, sie als eine ästhetische Fiktion aufzufassen.

Januar 3, 2009



Donnerstag, 11. August 2016

Ein institutioneller Schein von Wissenschaft.




Wissenschaft ist nicht Institution, sondern Instanz (wie die Kunst); wenn auch in öffentlichen Institutionen verfasst, die gern ein Monopol geltend machen. Aber im Grenzfall ist ihre Institutionalisierung sogar eine Schranke für ihren öffentlichen Charakter: Monopol = Exklusivität = Privatheit. Und nährt den Glauben, die Zugehörigkeit zur Institution sei selber schon Wissenschaft…

Begründet ist die Institutionalisierung der Wissenschaft aber nicht in ihrer Exklusivität – dass nur geprüfte Spezialisten mitmachen dürfen –, sondern im Erfordernis der Kontinuität des Wissens: Das Wissen muss nicht nur "ausgelesen", sondern darüber hinaus bewahrt werden (sonst gäb’s nichts auszulesen). Die Institution gewährleistet die Tradierung des Wissens: dass nichts verloren geht: dass die Akkumulation gründlich geschieht. Denn idealiter ist der Wissenschaftler einer, der alles weiß. 

Wenigstens "in seinem Fach". Aber das gibts natürlich nicht mehr. Das Spezialistentum macht sich innerhalb der Disziplinen breit, so dass selbst innerhalb eines Fachs die "Zusammenhänge" selber zu Fächern von Spezialisten werden; in Wahrheit aber die "Neue Doxa" sich breit macht: das Vertrauen darauf, dass der Nachbar schon wissen wird, was er tut, und man ihm seine Resultate getrost abnehmen kann… 

So kommt es, dass allerlei Zwischen-Fächer auftauchen, die sich in den Ritzen der Institution festsetzen, ohne sich vor irgendwem ausweisen zu müssen – außer eben vor der Doxa innerhalb und außerhalb der Universitäten! Z. B. Pädagogik, Politologie, Publizistik… Soziologie und Ökonomie haben den Anfang gemacht.

April 23, 2009 

Dienstag, 9. August 2016

An sich.


Thomas Hein  / pixelio.de

Sobald das wirkliche Denken sich selber denkt, unterscheidet es sich von sich selbst – als ein Objektives un-abhängig von einem Subjekt; als ein Immerdenkbares von einem jetzt Wirklichgedachtwerdenden. Seine je-weiligen Bestimmungen können darum als außerhalb der Zeit (und des Raumes) vorgestellt werden – richtiger: können nur außerhalb der Zeit und des Raumes vorgestellt werden; sobald sie nämlich als Bestimmtheiten vor-gestellt werden und nicht als das wirkliche Bestimmen eines Bestimmenden. Letzteres wäre das historische, wirkliche Denken; aber nicht das, was im Denken des Denkens gedacht wird. 

Nur so gibt es ein An-sich.

aus e. Notizheft


Nota. - Was immer so gedacht wird, als ob es An-sich wäre, ist ein Noumenon. So kann man auch wirklich vor-kommende Dinge denken. Nur verlieren sie damit alle Merkmale, die sie als diese bestimmen; und das sind all die Merlmale, die sie zu wirklichen Dingen machen. Mit andern Worten: Ein Wirkliches als an sich denken heißt, es als wirklich nicht denken; heißt, es nicht denken.
JE


Montag, 8. August 2016

Das höchste Prinzip.


vulkanischer Riss

Sollte das höchste Prinzip das höchste Paradoxon in seiner Aufgabe enthalten? Ein Satz sein, der schlechterdings keinen Frieden ließe – der immer anzöge, und abstieße – immer von neuem unverständlich würde, so oft man ihn auch schon verstanden hätte? Der unsere Tätigkeit unaufhörlich rege machte – ohne sie je zu ermüden, ohne je gewohnt zu werden? Nach alten mystischen Sagen ist Gott für die Geister etwas Ähnliches.
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Novalis, Logologische Fragmente [a], N°9