Sonntag, 7. August 2016

Querdenken.


 Wander Impressionen

Querdenken ist keine Tugend. Am besten denkt man doch immer noch geradeaus, solange es geht, dann kann man auch stets überblicken, woher man kommt; denn wie sollte man sonst wissen, wo man ist?

Manchmal gerät man in ein Gestrüpp, da muss man wohl auch mal um die Ecke denken. Doch wenn der Knoten zu dicht wird, braucht man ein Alexanderschwert.

Dann gehts weiter gradaus.

3. 8. 14


Samstag, 6. August 2016

Taub stellen.




Lieber taub, als betäubt. — Ehemals wollte man sich einen Ruf machen: das genügt jetzt nicht mehr, da der Markt zu gross geworden ist, — es muss ein Geschrei sein. Die Folge ist, dass auch gute Kehlen sich überschreien, und die besten Waaren von heiseren Stimmen ausgeboten werden; ohne Marktschreierei und Heiserkeit giebt es jetzt kein Genie mehr. — Das ist nun freilich ein böses Zeitalter für den Denker: er muss lernen, zwischen zwei Lärmen noch seine Stille zu finden, und sich so lange taub stellen, bis er es ist. So lange er diess noch nicht gelernt hat, ist er freilich in Gefahr, vor Ungeduld und Kopfschmerzen zu Grunde zu gehen.
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Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft. 4. Buch 1882





Freitag, 5. August 2016

Materiale Logik.


i.itymg.

Eine Sache in logischer Hinsicht bestimmen und ihr lebensweltlich eine Bedeutung anheften ist dasselbe.

Der springende Punkt ist, dass die Sache und ihre Bedeutung nicht dasselbe sind. 'Die Sache selbst' ist ein un-erschöpfliches Maß, was ein Paradoxon ist: Da es nicht erschöpflich ist, ist es ohne Maß; die Sache selbst ist schlechterdings unbestimmbar.


Die Bedeutungen der Sache sind all die - manuellen oder logischen - Operationen, die ich mit ihr anstellen kann, sie kann ich bestimmen. Aber ich muss sie durchführen, um es zu können.

Danach ist das Unterordnen der Sachen unter die Bedeutungen ein rein formaler Handgriff.




Donnerstag, 4. August 2016

Zählen und messen und werten und schätzen.


S. Hofschlaeger, pixelio.de

..."Dieser Gedanke ... setzt als selbstverständlich voraus, daß Qualität und Quantität Grundeigen-schaften der wirklichen Naturvorgänge sind. Das ist aber eine durchaus oberflächliche Anschau-ung. In unseren Erlebnissen sind uns nur qualitative Unterschiede gegeben. Den Unterschied zwi-schen 'Groß' und 'Klein' erleben wir zu-nächst nicht anders als den zwischen rot und blau. Erst durch die Zuordnung von Zahlen zu den Erlebnis-sen wird ein System von Zustandsgrößen geschaffen, zwischen denen quantitative Beziehungen bestehen." 

Philipp Frank, Das Kausalgesetz und seine Grenzen (Wien 1932)*, **

Erst die Arbeitsgesellschaft hat Messen und Kombinieren so in den Vordergrund treten lassen, daß der eigentlich-poietische 'Anteil' des Geistes - der eigentlich sein Grund ist - als ein uneigentliches Residuum in den Hintergrund tritt. Vollends mit dem Beginn der industriellen Kultur, wo Fragen nach dem "Wesen" (quale) im Zuge der 'Entmythologisierung' und 'Entzauberung der Welt' als "metaphysisch" direkt abgewiesen werden. Das postmoderne "Anything goes" ist nur der Punkt auf dem i. Es ist überhaupt nicht "post". Es verweist die Frage nach den Qualitäten endgültig unter die Spielereien; freilich - wenn sie "funktionieren", why not?

Dieses "Residuum" wird 'bestimmt' (ex negativo: als das uneigentlich-Überschüssige) als "das ästhetische Erleben".

Daher die Unmöglichkeit, das Ästhetische positiv zu "definieren": Es ist eben nicht "positiv", sondern negativ bestimmt: als Ausschluß von dem, was für die Welt der Arbeit "nicht nötig" ist. Im Laufe der Entfaltung der Arbeitsteilung und galoppierend seit der Industrialisierung wurde das immer mehr.

Nota. Die Bereitschaft, Bedeutungen zu erfinden über das unbedingt Nötige hinaus - Abenteuer, Spiel, Risiko - ist stammesgeschichtlich auf der männlichen Seite der Gattung stärker ausgeprägt; weshalb der Umstand, daß allein diejenige Gattung, wo das Männliche einen relativ autonomen 'Stand' erworben hat, diejenige war, die den Sprung in die Welt gewagt hat. Und weshalb die 'ästhetischen' Tendenzen bis auf den heutigen Tag im männlichen Teil stärker ausgeprägt sind als im weiblichen. (Sollte sich das künftig ändern, tant mieux.)

*) neu Ffm. 1988, S. 155

aus e. Notizbuch,14. 7. 2005
  
**) Ob ich reichlich zu essen habe oder nicht genug, ist der Qualitätsunterschied von satt und hungrig. 



Mittwoch, 3. August 2016

Die Zweige des Wissens.


plumbe, pixelio.de

Die Welt ist kein Mosaik, das aus so und soviel Wahrheitsatomen zusammengesetzt ist, die man, jedes für sich, herausgreifen, begutachten und in Schubladen verteilen kann. Sondern was der Einfachheit halber 'die Welt'* genannt wird, ist ein ununterbrochener Fluß von Geschehnissen in einem komplexen Feld von wechselseitigen Bedingungsverhältnissen. Dabei erweist sich das, was prima facie als reale Bedingung erschien, der kritischen Reflexion als eine Projektion dessen, was vorher ("a priori") schon eine (logische) 'Hinsicht', eine Ab-Sicht des Betrachters gewesen war: Nur in gewissen Hinsichten, und daher nur in bestimmten realen Bedingungsverhält- nissen ('Gesetzen') 'zeigen sich' gewisse Geschehnisse; doch nicht in allen: Sie mögen mehreren Bedingungsebe- nen angehören, aber allen nicht.

So gibt es eine Bedingungsebene namens Chemie, eine namens Physik, namens Ethologie, namens Mathema- tik… Und alle stehen untereinander "irgendwie" selber wieder in einem Bedingungsverhältnis... Eine pazifische Koralle etwa "kommt vor" in Biologie, Chemie, Physik, Ethologie, sogar in Mathematik, wenn man will. Aber in Musik kommt sie nicht vor, und in Nationalökonomie nur mit Hilfe von Sophismen. Allerdings sind Biologie, Chemie, Physik nicht die "Etagen", in denen die tatsächliche Existenz der Koralle tatsächlich "stattfindet", sondern sie sind die Blickwinkel, unter denen ein abstrahierend-reflektierender Verstand die Koralle anschauen mag – oder eben nicht.

Das gilt für alle Wissenszweige ebenso wie für Kants Kategorientafel.


Also, ein Geschehen "zeigt sich" in dem einen Bedingungsverhältnis (unter der einen Kategorie) so, in dem andern anders; und in einem dritten gar nicht.

Wo die Menschen ihre apriorischen 'Hinsichten' herhaben – ob ihrerseits ex sponte 'gesetzt' oder aus "sinnlichen Eindrücken" empirisch angesammelt –, diese Frage "erscheint" ihrerseits in logischer Hinsicht (philosophisch) gar nicht, sondern nur empirisch-psychologisch – als Streit zwischen Assoziations- und Gestaltpsychologie (der freilich selber logisch zu entscheiden ist).

Ausschlaggebend ist nur, dass 'es' diese Hinsichten 'gibt', und dass ihre logisch-regelmäßige Handhabung die Gewähr für die Vernünftigkeit unseres Denkens ist. Dank ihrer 'gibt es' vernünftiges Denken: Sie "konstituieren" es. Aber da es nun einmal 'ist', reicht ihm die Faktizität der  Kategorien, die es konstituieren, nicht aus. Es will die Gründe sehen. Will sehen, dass sie nicht (historisch) zufällig sind (und also auch anders sein könnten), sondern (genetisch) notwendig. Wenn es unter den faktisch gegebenen Kategorien nicht einen genetischen, einen Beding- ungszusammenhang auffinden kann – einen 'letzten', d. h. ersten Grund -, dann müsste es sich selber als unbe- gründet, und damit als ungültig erkennen.

Die Suche nach einem letzten Grund heißt Wissenschaftslehre.

Das heißt, 'eigentlich' ist sie zirkulär: Sie setzt die Auffindbarkeit des Grundes schon voraus. Denn 'gäbe es' einen solchen Grund nicht, dann könnte sie ihn nicht nur nicht finden; sondern sie könnte nicht einmal finden, dass sie ihn nicht finden kann, und so verlöre die Suche ihr Wonach.

Wer sich also auf die Suche macht, der muß sinnvollerweise voraussetzen, dass es hier etwas zu finden gibt. Seine Suche beginnt dann folgendermaßen: Da das Wissen einen Grund haben muß (weil ich anders gar nicht suchen könnte), muß er… da oder dort zu finden sein.

Logisch korrekt muss die Aufgabe also so formuliert werden: Wenn unser Wissen einen Grund hat, dann muss er sich 'in' unserm Wissen als dessen immanente Prämisse auffinden lassen. Daß aber unser Wissen einen Grund hat, das soll so sein, weil jedes Wort sonst hinfällig wäre.

21. 3. 1993 

*) 'Die Welt' ist lediglich ein Bild, das unsere Vorstellung entwirft - als der Horizont aller Dinge, die in ihr vorkommen. Und wie 'kommen sie vor'? Wenn ich es genau besehe, als "ein ununterbrochener Fluß von Geschehnissen in einem komplexen Feld von wechselseitigen Bedingungsverhältnissen". Anm. 3. 8. 16


Dienstag, 2. August 2016

Sprachspielnetz.




Das Wort (Klangbild) ist ein Symbol. Die Sprache ist ein System von Symbolen; System im Vollzug, indem sie gebraucht wird in der Sprachgemeinschaft; "Sprachspiel"; diachronisch. Es läßt sich aber als System darstellen, synchronisch: als kodifizierter Verweisungszusammenhang. Doch jeweils nur als endlicher Verweisungszusammen- hang: Lexikon, Grammatik, "Logik". Das Wort "bezeichnet", benennt ein Ding als "das, was" es ist; aber das Ding kann selber Symbol sein: etwas "bedeuten", das sich seinerseits nicht "endlich darstellen" läßt; Gedanken- ding, "Begriff". – Das gilt für das System der Sprache selbst: Es "sieht so aus, als ob" es Alles umfaßt. "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt", Tractatus [5.6] [aber was heißt hier "bedeuten"? Bezeichnen? „"Darstellen"? "Sein"?] 

Die Besonderheit dieses Systems ist, daß es – historisch und logisch! – unbegrenzt erweiterbar ist. Es ist Bild der Welt. In der Welt sind nicht nur die Dinge, die die Wörter benennen, sondern auch ihre… (und andere) Bedeutun-gen! Die Sprache ist ein (historisch je) endliches Symbol für ein "unendliches" Ding. Nicht nur können immer neue Wörter eingefügt werden; es können auch neue Sätze gebildet werden, in denen die Wörter neu verwendet, "umgewidmet", d. h. umgedeutet werden. Denn sie sind Symbole, Bilder, keine Abbilder.

Und sie können auch sinnwidrig verwendet werden: "uneigentliches" Sprechen z. B. Man kann die Wörter regelwidrig verwenden: das "Spiel" stören. Sprach-Spielverderber.

Januar 15, 2009


Nachtrag. Eine 'Welt' gibt es überhaupt nur als Bild.




Montag, 1. August 2016

Die Welt ist doch vernünftig.




Eine Welt ist keine Gegend, sondern ein Horizont. Mit andern Worten, es gibt sie nur als Vorstellung. Nämlich als die Vorstellung von einer Gesamtheit aller möglichen Vorstellungen. Ob den Vorstellungen, die sie umfasst, jeweils etwas Objektives, unabhängig von meinem Vorstellen Daseiendes entspricht, ist damit noch nicht ent-schieden; sondern nur, dass sie in der Welt lediglich vorgestellt werden.

Nun gibt es Vorstellungen, die ich mit andern teile, und Vorstellungen, die ich nur für mich habe. Das sind pragmatische Bestimmungen: Es kommt jedesmal auf den Versuch an. 'Die Welt' ist die vorgestellte Gesamt-heit aller Vorstellungen, von denen ich annehme, dass ein jeder Andere sie vernünftiger Weise teilen muss. Das ist eine Wechselbestimmung: Sie mit allen andern teilen nenne ich vernünftig, und vernünftig ist das, was ich mit allen andern teile. 

Das wäre eine Tautologie, wenn ich es als vorgegeben annehmen wollte. Es ist aber im Gegenteil ein Problem, das in jedem Zweifelsfall immer wieder neu zu lösen ist: Man muss es drauf ankommen lassen. Manche Vorstellung hat sich als mit niemandem teilbar erwiesen. Ich kann sie ausmustern, aber ich kann sie auch für mich behalten. Und vieles, was ich mir vorstelle, geht einen andern sowieso nichts an, wozu also sollte ich es teilen? 

'Die Welt' ist unsere Welt: die Welt der Vernunft. In dieser Welt lebe ich, und weil sie ein Horizont ist, sind ihre Grenzen mal enger, mal weiter - je nach dem, wie hoch ich meinen Standpunkt wähle. Doch in der Welt, in der ich lebe, gilt nicht überall, und nicht überall in gleichem Maße, Vernunft. In meiner Welt gelten auch Leiden-schaften, Begierden und Interessen; und wohl auch interesseloses Gefallen. Will mir da einer reinreden, muss 
er schon sehr gute Gründe nennen. Der Vernunft muss ich immer wieder - öfter, als mir manchmal lieb ist - nachgeben, denn immer wieder nehme ich sie selbst in Anspruch. Und manchmal kommt der Moment, wo ihre Ansprüche versagen; da muss man dann schauen, wer sich durchsetzt: Das heißt politisch.