Samstag, 16. April 2016
Der Schlüssel zur Anatomie des Affen.
Im Alltag des normalen dogmatischen Realisten, der wir alle sind, sobald wir die Studierstube verlassen, heißt erklären: etwas als Wirkung einer Ursache darstellen. Das Was, das jeweils zu erklären ist, ist als 'dieses' im Voraus bestimmt durch die Ursache, die es bewirkt.
Dem hat Fichte die transzendentale oder 'dialektische' Sichtweise entgegengestellt. Das, was es zu erklären gibt - oder zu verstehen, das ist hier dasselbe - ist bekannt. Es ist die Tatsache der Vernünftigkeit: das Vorhandensein einer 'Reihe vernünftiger Wesen'. Es ist dieses Resultat, das den Sinn (Bedeutung, Wert, Zweck) der Fort-Schritte ausmacht, die zu ihm geführt haben.
Das ist keine "teleologische" Betrachtungsweise, sondern der einzig rationelle Weg, nach einem Sinn zu fragen: die Ergebnisse so zu betrachten, als ob sie der Zweck des wirklichen Geschehens gewesen wären.
Die Anatomie des Menschen sei der Schlüssel zur Anatomie des Affen, meinte Marx.
Bleibt freilich immer die Frage, ob das wirklich erzielte Resultat als ein Zweck gewollt werden kann; doch erst jetzt kann sie rationell erwogen werden.
Freitag, 15. April 2016
Die Widersprüche im System auflösen.
In einem philosophischen System alle Widersprüche auflösen wollen ist unvernünftig. Jede Lösung eröffnet ein Feld für neue Widersprüche: Setzen ist entgegensetzen.
Versuchen muss man es doch, wie will man sonst vorankommen?
*
Fichte sagt, man müsse von jeder Stelle im System aus zu jeder anderen gelangen können, so dass eine jede ebensogut Anfang und Mittelpunkt des System sein könne wie alle jene. Dabei handelt es sich offfenbar um das logische System der wechselseitig durcheinander bestimmten Begriffe; "alles, was der Fall ist". Als solches lässt es sich in der Tat nicht darstellen. Man fände keinen Anfang, aber auch keinen Abschluss. Es ist in jeder Richtung offen.
Das System der Transzendentalphilosophie ist eine genetische Abfolge von Vorstellungen, wo eine jede nur aus den vorangegangenen entstehen kann. Es ist ein Fortschreiten, wenn auch nicht linear, so doch systemisch. Während im logischen System alles gleichzeitig, synchronisch (eigentlich a-chronisch) ist, hat das System der Transzendentalphilosophie einen (diachronischen) Verlauf. Nur in der Reflexion lässt er sich umkehren, nicht reell.
Es ist "nach außen", seinem Umfang nach, abgeschlossen. Es hebt an mit dem Wollen und endet beim fiktiven Schlussstein des Absoluten. Davor, daneben und dahinter ist nichts. "Nach innen", in die Tiefe, kann es gar nicht abgeschlossen werden, denn innen reproduzieren sich die Widersprüche in dem Maß, wie sie aufgelöst werden. Es ist nicht unendlich, aber genzenlos.
Das System der Transzendentalphilosophie ist unverzichtbar, denn es begründet alles reale Wissen. Ein System der Welt* wäre zu nichts zu gebrauchen.
*) Das physikalische Universum ist nicht die Welt. Eine Kosmologie, die die Möglichkeit anderer Welten postulieren muss, lässt sich eo ipso nicht in ein System bringen.
31. 5. 2015
Donnerstag, 14. April 2016
Realismus ist nicht naiv.
wikimedia
Du gebrauchst Solipsismus als ein bloßes Schimpfwort immer da, wo das Denken sich selbstkritisch nach seinen faktischen (!) Voraussetzungen fragt. Als sei die Kritik an deinem (fälschlich so genannten) Naiven Realismus – "es gibt nur Dinge" – schon die (umgekehrte) dogmatische Behauptung: "Es gibt nur mich." Letzteres hat ja nicht einmal der dogmatische Idealismus von Bischof Berkeley gelehrt – so dogmatisch er sonst war. Schon gar nicht der kritische Idealismus der Transzendentalphilosophie; der nämlich deshalb kritisch ist, weil er die Be-rechtigung ontologischer (und sonstwie metaphysischer) Aussagen geradezu bestreitet.
Wieso ist euer Realismus in keiner Weise naiv, sondern säuerlich-schlau? Weil das natürliche Weltbild der Kinder überhaupt nicht realistisch ist, sondern magisch-animistisch. Naiv ist, nach Schiller, "eine Kindlichkeit da, wo man sie nicht mehr vermutet". Das ist ja gar nicht euer Fall. Ihr seid, obwohl erwachsen, kindisch-alt-klug, ihr wähnt euch über die Blödigkeit der Kinder haushoch erhaben, weil ihr an die 'Dinge' wie an einen Fetisch glaubt. Da ist mir der Animismus der Kinder immer noch lieber, denn deren Fetische sind wenigstens belebt, sie gehorchen ihrer Einbildungskraft und nicht einem "Naturgesetz".
Noch einmal ganz deutlich: Du "erkennst" überhaupt keine 'Dinge' (wohl gar 'an-sich'?), sondern tatsächlich nur "Eigenschaften", die du aber schon vorher 'kanntest', indem du ja nach ihnen gesucht hast. Ohne dieses wäre nämlich das, was du eine "Eigenschaft" nennst, nichts als ein gestaltloses Bündel von Sinnesdaten bar jeglicher Bedeutungen, durch welche man sie auf-einander beziehen und also ein-und-derselben 'Sache' zuschreiben kann, die du so apodiktisch ein 'Ding' nennst. Und die Bedeutungen, die du den Sinnesdaten zuschreibst, um sie zu einander zu fügen, das sind deine Intentionen (weshalb die mittelalterliche Scholastik den Begriff 'Bedeu-tung' mit lat. intentio wiedergegeben hat).
aus e. online-Forum, 4. 9. 08
Mittwoch, 13. April 2016
Das Absolute ist der Vereinigungspunkt beider Welten.
In meiner Welt entsteht das Absolute als Inbegriff meines sittlichen Sollens ("Gefallen ohne Interesse"*).
In unserer Welt** entsteht es als Fluchtpunkt möglicher gemeinsamer Zwecke ("allgemeines Interesse").
Es ist im Rückblick in beiderlei Gestalt von meiner und von unserer Welt. Es ist der Vereinigungspunkt. Von ihm aus lassen sich beide Welten überblicken – wo sie sich überschneiden und wo nicht.
(Daraus erhellt, dass Sittlichkeit und Recht verschiednen Ursprungs sind. Im Politischen überschneiden sie sich regelmäßig, und der Philister unterscheidet dann zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. )
*) Ethik ist eine Sonderform der Ästhetik.
**) "…eine Welt vernünftiger
Wesen (mundus intelligibilis) als ein Reich der Zwecke", Kant, Grundlegung e. Metaphysik der Sitten, WW
VII, S. 72
Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.
Dienstag, 12. April 2016
Umfang und Inhalt.
"Die Bedeutung der Wörter ist ihre Verwendung im Sprachspiel." – Das ist salopp ausgedrückt. Um den springenden Punkt zu vertuschen? Die Bedeutung der Wörter bildet sich aus durch ihre Verwendung im Sprachspiel: Das wäre korrekt. Denn es lässt die Frage offen, wo die Wörter her gekommen sind; oder besser: Es stellt die Frage! Erst das Sprachspiel, dann die Bedeutungen? Oder doch: erst die Bedeutungen, dann das Sprachspiel?!
Einen Begriff nennen wir ein Wort, dessen Bedeutung durch seine Verwendungen in den Sprachspielen so festgestellt ist, dass sie in den verschiedensten – na ja, in verschiedenen Sprachspielen fungieren kann. Ob ich nun 'Bedeutung' sage oder 'Verwendung im Sprachspiel' – dieses bleibt: Beide befinden sich in der Spannung zwischen dem Gehalt – 'intensio' – und dem Umfang – 'extensio' – des Begriffs. Wobei die Intensio nichts anderes ist, als was die Scholastiker intentio nannten: 'das, was beabsichtitgt ist, das, worauf abgesehen wird'. Die Extensio, das ist offenbar der Umkreis der (sinnlich begegnenden) Phänomene, die unter die Absicht des Begriffs fallen, die also im Begriff 'mitgemeint' sind. So, dass die Intensio die Qualitäten festlegt, die 'gemeint' sind; und die Extensio die Phänomene zählt, denen diese Qualitäten zugesprochen werden. So, dass weiterhin die Zahl der gemeinten Phänomene zunimmt in dem Maße, wie die Zahl der gemeinten Qualitäten abnimmt, und wiederum abnimmt in dem Maße, wie die Intensität (Stärke, Tiefe, nicht: Menge!) der jeweiligen Qualität zunimmt. (Und ohne Qualitäten geht es nicht.)
Es reproduziert sich in jedem Begriff die Doppeltheit des Bewusstseins, dass dem sinnlich Gegebenen eine Bedeutung zu-gedacht wird, und keines ohne das andere gedacht werden kann; also der 'Begriff' (oder das 'Ding', das er 'erfasst') immer in einer Schwebe vorkommt zwischen Umfang und Gehalt.
[vgl. Cassirer. Umfang und Gehalt d. Begriffs]
aus e. Notizbuch; um 2002?
[vgl. Cassirer. Umfang und Gehalt d. Begriffs]
aus e. Notizbuch; um 2002?
Montag, 11. April 2016
Sind Begriffe da oder wurden sie gedacht?

Obige Förmchen sind dazu da, dass man Kuchenteig hineintut. Gedacht sind sie für Weihnachtsplätzchen.
Sie können aber auch Kartoffelbrei oder Wagenschmiere hineintun; sofern Sie sich nicht fragen lassen müssen, wozu.
Ob Kuchenteig, Kartoffelbrei oder Wagenschmiere – da sind sie so und so. Aber so wurden sie nicht gedacht.
Sonntag, 10. April 2016
Die vierfache Wurzel der Philosophie.
- Das einzig Wahre ist der Wechsel; nicht zweimal in denselben Fluss… Alles, was währt, ist Illusion.
- Wahr ist nur, was währt. Aller Wechsel ist Schein. Ist oder ist nicht.
a. Wissen ist Kundgebung, Offenbarung etc… Das Objekt prägt sich ein ins Subjekt: wie ein
Spiegelbild.
b. Wissen ist Anteilnahme: Ich erfasse nur, wonach ich
greife.
(Der Spiegel weiß nicht, was er reflektiert. Er weiß nicht einmal, dass er reflektiert. …)
(Der Spiegel weiß nicht, was er reflektiert. Er weiß nicht einmal, dass er reflektiert. …)
Das
erste Problem wurde erst lösbar im Licht des zweiten Problems. …
Was
sich uns einprägt, ist in Raum und Zeit; nämlich die Eigenschaften, nach denen
wir fragen. Was in Raum und Zeit ist, ist bedingt. Und veränderlich mit deren Bedingungen.
Was
außerhalb von Raum und Zeit ist, ist eo ipso jenseits der Bedingungen von Raum
und Zeit: ist unveränderlich, und prägt nicht sich uns ein, sondern ist von uns
geprägt: nicht die Eigenschaften der Dinge, sondern deren Bedeutungen. Die sind
ewig. Allerdings nur für wirkliche Subjekte unter den Bedingungen von Raum und
Zeit. Mit andern Worten, sind gedacht - oder sind nicht.
25.
8. 2013
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