Samstag, 7. November 2015

Sprachkritisches.


Um eine allgemeine Charakteristik* zu Stande zu bringen müssen wir erst von der Ordnung in der Sprache abstrahieren, die Ordnung ist eine gewisse Musik, die wir festgesetzt, und die in wenigen Fällen (z.E. femme sage, sage femme)** einen sonderbaren Nutzen hat. Eine solche Sprache die den Begriffen folgt müssen wir erst haben, oder wenigstens für besondere Fälle suchen, wenn wir in der Charakteristik fortkommen wollen. Weil aber unsere wichtigsten Entschlüsse, wenn wir sie ohne Worte denken, oft nur Punkte sind, so wird eine solche Sprache eben so schwer sein zu entwerfen, als die andere, die daraus gefolgert werden soll.

*) meint er eine wissenschaftliche Enzyklopädie?
**) weise Frau - Hebamme

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Die Bemühung ein allgemeines Principium in manchen Wissenschaft zu finden ist vielleicht öfters eben so fruchtlos, als die Bemühung derjenigen sein würde, die in der Mineralogie ein erstes Allgemeines finden wollten durch dessen Zusammensetzung alle Mineralien entstanden seien. Die Natur schafft keine genera und species, sie schafft individua und unsere Kurzsichtigkeit muß sich Ähnlichkeiten aufsuchen um vieles auf einmal behalten zu können.

Diese Begriffe werden immer unrichtiger je größer die Geschlechter sind, die wir uns machen. 


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Mancher fühlt neu und sein Ausdruck womit er dieses Gefühl andern deutlich machen will ist alt.
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Lichtenberg, Sudelbücher A





Freitag, 6. November 2015

Sein und bedeuten.



Der Streit über bedeuten und sein, der in der Religion so viel Unheil angestiftet hat, wäre vielleicht heilsamer gewesen, wenn man ihn über andere Materien geführt hätte, denn es ist eine allgemeine Quelle unsers Unglücks, daß wir glauben die Dinge seien das würklich, was sie doch nur bedeuten.
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Lichtenberg, Sudelbücher, A


Nota. - Ist nicht aber der umgekehrte Irrtum unglücklicher?
JE




Donnerstag, 5. November 2015

Naturgesetz.



„Naturgesetz“ — ein Wort des Aberglaubens. 

Wenn ihr so entzückt von der Gesetzmässigkeit in der Natur redet, so müsst ihr doch entweder annehmen, dass aus freiem, sich selbst unterwerfendem Gehorsam alle natürlichen Dinge ihrem Gesetze folgen — in welchem Falle ihr also die Moralität der Natur bewundert —; oder euch entzückt die Vorstellung eines schaffenden Mechanikers, der die kunstvollste Uhr, mit lebenden Wesen als Zierrath daran, gemacht hat. — Die Nothwendigkeit in der Natur wird durch den Ausdruck „Gesetzmässigkeit“ menschlicher und ein letzter Zufluchtswinkel der mythologischen Träumerei.
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Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, Bd. II, N° 9





Mittwoch, 4. November 2015

Den Witz achten sie wenig.


Ducreux

120. Den Witz achten sie darum so wenig, weil seine Äußerungen nicht lang, und nicht breit genug sind, denn ihre Empfindung ist nur eine dunkel vorgestellte Mathematik; und weil sie dabey lachen, welches gegen den Respekt wäre, wenn der Witz wahre Würde hätte. Der Witz ist wie einer, der nach der Regel repräsentiren sollte, und statt dessen bloß handelt.
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Friedrich Schlegel, Athenaeums-Fragmente





Dienstag, 3. November 2015

Spiel, oder Die frische Kraft des Müßiggängers.


Tinguely, Rotozaza

Das Urtheil sehr arbeitsamer und thätiger Zeitalter über den Werth des Lebens klingt wie fast desperat: man dachte über das Leben nach, wenn man nicht mehr arbeiten konnte und müde war. Die Griechen dachten besser vom Leben, dafür waren sie das Volk der Muße: sie arbeiteten eigentlich zur Erholung vom Müßiggang, und ihr Nachdenken kam aus frischer Kraft.

Die erfinderischen Menschen leben ganz anders als die Thätigen; sie brauchen Zeit, damit sich die zwecklose ungeregelte Thätigkeit einstellt, Versuche, neue Bahnen, sie tasten mehr als daß sie nur die bekannten Wege gehen, wie die nützlich-Thätigen.
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Fr. Nietzsche, Fragmente I[78],[80]




Montag, 2. November 2015

Warum philosophieren überhaupt nötig ist.



Dass die Menschen bestrebt sind, sich satt zu essen und danach das eine oder andere sinnliche Be-dürfnis auch noch zu befriedigen, versteht sich von selbst, dafür braucht man keine Philosophie. Philosophieren müssen wir, um zu verstehen, wo die Menschen diesen schlimmen Drang nach dem Höheren her haben. Denn ohne den hätte "das Leben" gewiss nie das Rad erfunden, vom Mühlrad ganz zu schweigen.

Will sagen, nicht einmal die materiellen Bedürfnisse des Menschen hätten sich höher entwickelt, wenn sein Horizont nicht von Anfang an über das Erfordernis des Tages hinaus gereicht hätte.


aus e. Notizbuch, im Frühjahr 2008



Sonntag, 1. November 2015

Den Menschen unterscheidet vom Tier… (II.)

…dass ihm in seiner offenen Welt auch solche Dinge…

 

…gewärtig werden, die keine Bedeutung für ihn haben – und ihm dadurch zum Rätsel  werden.