Sonntag, 8. Februar 2015

Schnitzer.

Lothar Sauer

Das Schreiben für ein Blog im Internet hat seine eigenen Gesetze. Sie müssen eher kurze als lange Texte ver- fassen, das ist klar. Und die Versuchung ist groß, Gedanken in die Welt zu schicken, bevor sie ausgereift sind. Das hat für den Schreiber und für den Leser aber einen eigenen Charme: Unausgegorenes Zeug hat einen pikanten Geschmack und kann sehr anregend sein.

Das gilt aber nicht für reine Schnitzer. Die sind eine Plage, und dass Sie sie nachträglich korrigieren müssen, wenn Sie welche finden, führt dazu, dass Texte aus dem Internet nicht zitierbar sind. Aber der Modus schreiben - klicken - posten, sobald Sie einen guten Schluss gefunden haben, provoziert Schnitzer regelrecht. Natürlich lesen Sie vor dem Klicken alles nochmal durch. Aber das Korrekturlesen für den Druck entfällt, und das war eine Schikane, die Sie zwang, nach Schnitzern zu suchen - nämlich mit den Augen von einem zu lesen, der Sie miss- verstehen will. 

Das betraf nicht nur stilistische, sondern erst recht gedankliche Schnitzer... 

Denken Sie also nicht, das Bloggen wäre eine bequeme Sache; es ist riskant, und wenn ich irgendwo akade- misch gebunden wäre, könnte ich es mir gar nicht leisten.





Samstag, 7. Februar 2015

Die transzendentale Problematik.



Dass es die Welt wirklich gibt, versteht sich von selbst. Jede andere Annahme wäre, et je pèse mes mots, idiotisch; denn sie war eher da als sich.

Aber dass sie selbstverständlich ist, ist der wunde Punkt der Welt: Sie lässt sich nicht begründen noch bewei- sen. Man kann an sie nur glauben.

Da meldet sich mein Verstand: Ich weiß, was ich weiß, und das lässt sich begründen. Ich glaube nichts!

Das ist die transzendentale Problematik: Mein Wissen beruht auf mir, die Welt nicht; aber anders als in meinem Wissen kommt sie nicht vor.






Donnerstag, 5. Februar 2015

Wenn die Welt erkennbar sein soll.


daniel stricker  / pixelio.de 

Wenn in dem beständigen Flusse aller Dinge nichts Festes, Ewiges beharrte, würde die Erkennbarkeit der Welt aufhören und Alles in Verwirrung stürzen.
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Gottlob Frege, Die Grundlagen der Arithmetik. Eine logisch-
mathematische Untersuchung über den Begriff der Zahl. 
Breslau 1884, Vorwort, S. VII


Nota. - Richtig musste es heißen: Damit die Welt erkennbar wird und nicht Alles in Verwirrung bleibt, müssen wir ihr etwas Festes, Ewiges, Beharrendes voraussetzen.
JE




Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. 

Mittwoch, 4. Februar 2015

Der Begriff passt nirgends richtig.



Worauf der Begriff passt, darauf passt er immer, sonst war er kein Begriff. Was man so ansehen kann, aber auch anders, worauf also mal dieser und mal jener Begriff passt, auf das passt keiner.

Das ist aber der Fall bei fast allem, das im Leben vorkommt, und vor allem: bei allem, was in unserer Vorstellung vorkommt. - Was bleibt dann noch übrig? Eigentlich nichts. Mit andern Worten: Eigentlich passen Begriffe auf nichts, oder richtiger: Begriffe passen auf nichts eigentlich. Immer nur uneigentlich, immer nur einstweilen, immer nur vorübergehend. 

Ein Begriff ist gar kein Schlüssel. Eher eine Kneifzange oder ein Brecheisen.


Dienstag, 3. Februar 2015

Binsenwahrheiten.



Alle höchsten Wahrheiten aller Art sind durchaus trivial, und ebendarum ist nichts notwendiger, als sie immer neu und womöglich paradoxer auszudrücken, damit nicht vergessen wird, dass sie noch da sind und dass sie nie eigentlich ganz ausgesprochen werden können.
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Friedrich Schlegel, Über die Unverständlichkeit




Montag, 2. Februar 2015

Klugheit und Anstand.


F. X. Messerschmidt, Einfalt

Kluge Leute gibt's genug; an anständigen mangelt es. Und solange die Volksmeinung dahin geht, anständige Leute könnten nicht besonders klug sein, wird es an Anständigen fehlen und nicht an Klugen.

Du fragst mich, was anständig ist? Frag dich selbst, du fragst mich ja auch nicht, was klug ist.



Sonntag, 1. Februar 2015

Bedeutungen behält man besser.


Mondrian

Eine große Rede läßt sich leicht auswendig lernen und noch leichter ein großes Gedicht. Wie schwer würde es nicht halten, eben so viel ohne allen Sinn verbundene Wörter, oder eine Rede in einer fremden Sprache zu memorieren. Also Sinn und Verstand kömmt dem Gedächtnis zu Hülfe. 

Sinn ist Ordnung und Ordnung ist doch am Ende Übereinstimmung mit unserer Natur. Wenn wir vernünftig sprechen, sprechen wir nur immer unser Wesen und unsere Natur. Um unserm Gedächtnisse etwas einzu- verleiben suchen wir daher immer einen Sinn hineinzubringen oder eine andere Art von Ordnung. 

Daher Genera und Species bei Pflanzen und Tieren, Ähnlichkeiten bis auf den Reim hinaus. Eben dahin gehören auch unsere Hypothesen, wir müssen welche haben, weil wir sonst die Dinge nicht behalten können.

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Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher Heft J, N° 392


Nota. - Er identifiziert Sinn mit Ordnung. Das ist nicht falsch: Jede Ordnung bringt in die Erscheinungen einen gewissen Sinn, jeder Sinn bringt eine Ordnung in die Erscheinungen. 

Danach erst kann man die Frage: Welcher Sinn, welche Ordnung? überhaupt stellen.
JE