Montag, 15. August 2016

Über meine "Wendeltreppe".


Michaela Rupprecht  / pixelio.de

Meine philosophische Wendeltreppe begann und endete mit der Frage: Was ist Wahrheit? 
Darüber kam es zu folgendem Schriftwechsel:

Es spricht m.E. vieles dafür, dass 'Die Wahrheit' ein 'Glaubensthema' ist. Denn 'Die Wahrheit' hielt erst Einzug in die Philosophie, als das griechische alitheia nicht mehr im Bedeutungsbereich 'Wahrhaftigkeit', 'Redlichkeit', 'Aufrichtigkeit' angesiedelt sein durfte, sondern unter den Übersetzungsbemühungen Friedrich Schleiermachers in den Rang 'absoluter Wahrheit' gehoben wurde. Der pietistische Schleiermacher übersetzt an fast jeder Stelle, wo Platon alitheia schrieb - ob nun bewusst und absichtlich oder einfach aus frommer Gewohnheit 'wortgläubigen' Bibellesens - 'Wahrheit', auch dann, wenn es sich um ganz alltägliche Wendungen wie 'Das ist so' oder "Ist das tatsächlich so gewesen?' oder 'Ich versichere, das ist wirklich so.' u.ä. handelt. Das Eigenschaftswortalithis bedeutet eigentlich 'unverhohlen, aufrichtig'. Homer - die älteste überlieferte schriftliche Quelle des Altgriechischen - hat alitheia stets in der Formel "die Wahrheit sagen" verwendet. Tucidines hat alitheia in der Bedeutung von Wahrhaftigkeit, Wahrheitsliebe, Aufrichtigkeit, Unverstecktheit, als Charaktereigenschaft eines aufrichtigen Mannes verwendet. Allgemein meint alitheia  'Wirklichkeit', 'wirkliches Vorhandensein', 'Realität', 'Naturgemäßheit', 'wirklicher Hergang'.

'Wahrheit' bezeichnet damit etwas Konkretes, etwas, was beobachtbar ist, aber vom Beobachter 'verfälscht' werden kann. In der griechischen Wendung "etwas aus dem rechten Gesichtspunkt betrachten"  wird 'rechter Gesichtspunkt' mit dem Wort alitheia bezeichnet und sollte vielleicht besser mit 'redlichem Gesichtspunkt' übersetzt werden. Das in dieser Redewendung verwendete skopeithai - Grundwort der so verpönten 'Skepsis' - weist zudem auf gründliches Beobachten hin. Etwas aus dem rechten Gesichtspunkt betrachten könnte demnach eher heißen: 'Etwas mit wachen Sinnen vorurteilsfrei und redlich beobachten', das ist der rechte Gesichtspunkt. Zu mehr - so waren sich die alten Philosophen einig - ist der Mensch nicht fähig.

Die einzigen Leute wohl, die zu Zeiten der alten Griechen 'Wahrheit' im Sinne einer 'absoluten Wahrheit' gebraucht haben dürften, waren vielleicht ägyptische Priester, deren Oberpriester eine Art 'Schmuck' mit sich führten, zum Zeichen der Wahrheit und Gerechtigkeit, der in der griechischen Sprache mit alitheia bezeichnet wurde. Gerade mit letzterem könnte vielleicht deutlich werden, dass die Griechen wohl wussten, dass 'Die Wahrheit' als religiöses Machtzeichen aufzufassen war. Ihre eigenen Priester haben vergleichbares nie getragen, weil die Griechen nie einen die 'Wahrheit besitzenden Priesterstand' hatten, der über sie herrschte und ihnen - im Unterschied zu den Persern und Ägyptern - vorschrieb, wie und was sie über die Götter zu glauben und zu denken hatten. Denn die Götter waren - wenn auch mächtig - so doch gleichwohl unberechenbar und veränderlich wie die Menschen selbst.

Wohl stand auf 'Asebie', d.h. die Leugnung der Götter Todesstrafe oder zumindest Verbannung in Athen, aber darüber hinaus durfte geglaubt werden, was immer man wollte, solange es der Gemeinschaft nicht abträglich war. Hier hatten die Griechen eine Gelassenheit, die das westliche Abendland im Zuge der 'dogmatisierten christlichen Wahrheit' nicht mehr kannte. Diese Gelassenheit könnte Folge einer allgemein griechischen Selbsterkenntnis sein, die im als homo-mensura-Satz 'verteufelten' Ausspruch des Protagoras seinen Ausdruck findet: "Der Mensch ist das Maß aller Dinge!" dessen Fortsetzung in der Regel unterschlagen wird und damit einer Interpretation Vorschub leistet, die der Redlichkeit und Wahrheitsliebe der Traditoren Hohn spricht. Denn der Satz geht weiter: "Für mich sind die Dinge so, wie sie mir erscheinen und für dich so, wie sie dir erscheinen." Damit wird nichts weiter beschrieben, als dass jeder Mensch seine eigene Sichtweise auf die Dinge hat. Eine Beobachtung, die nicht nur jeder Richter heutzutage, sondern auch jeder Mensch selbst machen kann. Mit dem Wort 'Dinge' ist das griechische Wort chremata gemeint, was eigentlich die Eigenschaften der Dinge meint, also das, wie etwas ist. Und wer wollte bestreiten, dass sich die Menschen untereinander ständig darüber uneins sind, wie etwas ist? Wie es kommt, dass die banale Einsicht des Protagoras in die Beschränktheit individueller Sichtweisen in den Rang eines 'verwerflichen Relativismus' geriet, möchte ich hier nicht im Einzelnen erörtern. Wohl aber den Gedanken zur Diskussion stellen, dass nur derjenige die banale Tatsache individueller Sichtweisen als verwerflichen Relativismus auffassen 'muss', für den 'die Wahrheit' eine 'absolute Denkfigur' ist, wie sie vergleichbar der Stuhl Petri in Rom machtvoll lehrend täglich in die Welt hinausposaunt.

Philosophieren geht aber vom Menschen aus und nicht von einer 'absoluten Wahrheit'. Schon Platon lässt seinen Sokrates in verschiedenen Situationen da von 'Glauben' reden, wo Wahres nicht mehr zu beobachten ist, wo konkret erlebbare Wirklichkeit verlassen wird, zugunsten einer noetischen 'Erkenntnis', was später dann mit Metaphysik bezeichnet wird.

Der Mensch möchte Wahres finden, denn er muss um handeln zu können, urteilen. Dieses Wahre ist aber etwas vergängliches, etwas relatives. Jeder erlebt es täglich an sich selbst, das, was er gestern für wahr hielt, heute schon nicht mehr wahr ist, bzw. keine Gültigkeit mehr hat. Diese Veränderlichkeit können auch keine Vernunftgründe aus dem Weg räumen, denn 'Vernunft' ist eine gleichfalls metaphysische Denkfigur, die sich im westlichen Abendland zu einem ebenso starren Gebilde verfestigt hat, wie die Wahrheit. Sie wird benutzt, um mit Erklärungen da zu herrschen, wo wir dem Konkreten - so wie es m.E. auch schon die Griechen taten - verpflichtet sind.  Wir sollten uns von beiden Denkfiguren, sowohl der 'Vernunft', als auch der 'Wahrheit' verabschieden. Nicht Vernunfturteile sollten weitere Vernunfturteile begründen, sondern das Hinsehen auf das Konkrete sollte jedem Urteil vorausgehen. So wird jedes Urteil zum ersten Urteil und wir brauchen uns nicht zu zerstreiten über das, was angeblich die Vernunft 'weiß'. 

Monika Wirthgen 



Die Etymologie führt weniger weit, als man denkt. Wenn ich dir nun entgegnete: a-letheia kommt von a-lethés, und dieses wiederum von lethés = verborgen, vergessen? Dann ist aletheia allerdings, wie du sagst, die Unverhohlenheit, sofern von einem redenden Subjekt gesprochen wird – aber die Unverborgenheit, die Entborgenheit, die Entdecktheit, sofern es um eine beredete Sache geht. Und was ist "entborgen"? Eben dasjenige, was gewöhnlich unterm sinnlichen Schein der genesis, der Erscheinung, des Werdens "verborgen" liegt. Nenn es das Wahre, nenn es meinetwegen das Eigentliche, das Wesentliche, das Seiend-Seiende. Ontos on – das ist, wonach (undeutlich) schon Thales, deutlich (aber negierend) Heraklit und explizit Parmenides gefragt haben. Das wahre Sein entdecken hinterm Schein des Sinnfälligen, das nennt sich seit Platos 'Sokrates' Philosophie. Heraklit sagt: 'Dahinter' ist Nichts, das Werden und Vergehen ist das einzig Währende, 'Wahre' (=etymologisch nicht verwandt). Vielleicht hat er die Dynamik, die darin wirkt, als logos bezeichnet und mit dem "Feuer" verbildlicht; vielleicht etwas anderes – er ist eben der Dunkle. Gar nicht dunkel sind die Eleaten. Was sichtbar ist, ist nur Schein. Was ist, ist nur dem Gedanken zugänglich, niemals dem Augenschein. Es sieht nur so aus, als würde Achilles Zenons Schildkröte überholen; "eigentlich" überholt er sie nicht. Würde Zenon von aletheia reden (tut er's?), dürfte man ihn guten Gewissens mit 'Wahrheit' übersetzen.

Das ist die Problemlage. Wie oft Schleiermacher Platos aletheia besser als Wahrhaftigkeit denn als Wahrheit hätte übersetzen sollen, ist demgegenüber nicht wirklich wichtig.

Wahrheit und Wissen sind Wechselbegriffe. Wissen kann man allein Wahres; alles andere muss man glauben. In 'Wahrheit' geht es im griechische Denken vom Anfang dessen, was man rückblickend Philosophie nennen darf, um den Unterschied von Meinen, doxa, und Wissen, episteme. Darum heißt der ausgezeichnete Gegenstand  der Philosophie 'das Wahre'. "Erschienen" ist es zu allererst als Frage. Dass es bis zum Ende eine solche bleiben könnte, halten nicht nur Skeptiker, sondern auch Transzendetalphilosophen für denkbar.

Da sind wir auch gleich bei Protagoras. Dass der Mensch das Maß aller Dinge sei – 'der seienden, dass sie sind, der nicht seienden, dass sie nicht sind' (es kommt wohl auf die Überlieferung an) -, nämlich die 'a priorischen' Leistungen des absoluten alias 'transzendentalen' Subjekts…, das würde Dir kein Kantianer bestreiten wollen. Ist also längst nicht so unerhört, wie Du sagst.

"Der Mensch möchte Wahres finden, denn er muss, um handeln zu können, urteilen" – das ist in der Tat der springende Punkt. Handeln und urteilen ist in der Lebenswirklichkeit ein und dasselbe. Aber man muss es in seiner ganzen Radikalität, das heißt Einfachheit und Abstraktion fassen. Der Mensch muss urteilen, um handeln zu können. Warum muss er handeln? Weil er 'frei' ist. Und das war die abendländische Revolution. Der homerische Mensch war ein Spielball der Götter, ein blinder Gegenstand eines ihm unergründlichen Schicksals. Was immer er sich bei seinem Tun denken mochte – vor der nemesis war es alles gleich-gültig.

Ein (virtueller) Zeitgenosse von Heraklit und Parmenides war Aischylos. Er hat die erste 'moderne', erste abendländische Figur geschaffen, Antigone. Sie ist zwar nicht modern im Hamlet'schen Sinne, dass sie abwägte und zauderte; nein, ihr Entschluss steht von allen Anfang fest. Sie schwankt nicht in ihrer Wahl zwischen dem Alten und dem Neuen Gesetz. Aber gewählt hat sie! Das unterscheidet sie von einer archaischen, "morgenländischen" Vergangenheit: dass sie gewählt hat, darauf kommt es an. Im Leben des freien Subjekts gibt es jeder Zeit mindestens zwei Möglichkeiten. Oder auch, ein Leben wird dadurch zu dem eines freien Subjekts, dass es zu jeder Zeit zwischen mindestens zwei Möglichkeiten wählt. Und wer wählt, braucht einen Grund, ohne den kann kein Urteil gelten. Wäre ich selber nur ein Ereignis dieses Moments, könnte mir ein Grund reichen, der nur eben jetzt 'gilt'. Aber ich bin Ich, weil ich weiß, dass ich eine Geschichte haben. Ich war vorhin, in bin jetzt, ich werde nachher sein. Um derselbe zu sein, brauche ich einen dauernden Grund. Ich meine: einen mich überdauernden Grund.

Und da fangen all die Probleme erst an. Wollte ich meine Ichheit ein für alle Mal mal verbürgt wissen, müsste es einen 'endgültigen' (ersten oder letzten) Grund geben. Soll er aber gelten können, müsst er seinerseits begründet sein. Ist er begründet, dann ist er nicht der letzte Grund. Und so weiter… Es müsste einen Grund geben, der gelten kann, ohne seinerseits begründet zu sein; durch bloße Anschauung, alias "Evidenz".

Der Haken ist nur, dass ich, was mir als evident vorkommt, einem andern nicht demonstrieren kann. Ich kann darüber erzählen, Bilder malen, "in Zungen reden". Kann es "zeigen". Ob ein Anderer mir glaubt, darauf habe ich wenig Einfluss.

Insofern komme ich zum Schluss zu Deinem Ausgangspunkt zurück. Aber, wie es sich für eine Wendeltreppe gehört, eine ganze Windung weiter. 

JE


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