Sonntag, 10. April 2016

Die Idee des Wahren und ihre postmodernen Schicksale.




Geht alles?
Die Idee des Wahren und ihre postmodernen Schicksale


Das Unaussprechbare (das, was mir geheimnisvoll erscheint

 und ich nicht auszusprechen vermag) gibt vielleicht den Hintergrund,

 auf dem das, was ich aussprechen konnte, Bedeutung bekommt.

Wittgenstein

   Die größte Kunst im Lehr- und Weltleben besteht darin,

 ein Problem in ein Postulat zu verwandeln, damit kommt man durch.

 Goethe

Eben erst hat das Einbrechen der Hirnforscher in ihre eigensten Gefilde die deutschen Geisteswissenschaften in Verlegenheit gebracht: An der Schwelle zur postmodernen sogenannten Wissensgesellschaft geht, wie es scheint, wirklich alles. Und nun kehrt, von der andern Seite her, unter der Losung "intelligent design" die ganz vormoderne Schöp- fungsgeschichte zurück in die Naturwissenschaft. Auch das geht also. Eine oberste Instanz, die Grenzen zöge? Daß ich nicht lache.

Das Manifest Geisteswissenschaften aus der Berlin-Brandenburgischen Akademie versprach Remedur. Zwar redet es mehr vom Wissenschaftsbetrieb als von Wissenschaft. Aber soviel steht fest, die Philosophie gehört wieder an die Spitze. Weil sie systematisch ist.

Ist sie systematisch, kann sie es nochmal werden?

Die Philosophie ist seit Jahrzehnten, seit der Vorherrschaft der Angelsachsen, zu einer Art kritischer Methodenlehre herabgestuft, zu einer Hilfsdisziplin der reellen Wissenschaften. Der Linguistic turn wurde zum Angelpunkt einer universellen Pragmatischen Wende. Die Analytische Philosophie war aus der Begegnung Wittgensteins mit dem Logischen Positivismus des Wiener Kreises hervorgegangen, und da verblaßte die Frage nach dem Sinn der Wörter zu einem Problem ihres zweckmäßigen Gebrauchs.[1] Die Zwecke selber entglitten dem Horizont philosophischer Untersuchungen, das Was des Sprachgebrauchs ward – als "Metaphysik" – dem  jeweiligen Meinen überlassen. Paul Feyerabends Anything goes umreißt abschließend die Prima Philosophia des seither herrschenden Konstruktivismus. Alles und jedes gilt, wenn und solange es "wirkt", wie weiland Cole Porters Stücke am Broadway. Wenn intelligent design  'wirkt' – ja  warum nicht?

Krisis

Die arglose Flause von der 'Einheitswissenschaft', die  auch Wolf Singer inspiriert, stammt direkt aus dem Wiener Kreis.[2] Es möge unendlich viele Sichten auf die Welt geben, aber die Welt selber sei doch immer nur eine… Ob das stimmt oder nicht, hängt davon ab, was man sich unter einer Welt vorstellt. 'Die Welt ist alles, was der Fall ist' ist eine Tautologie. Was sie bedeuten soll, hängt davon ab, was man sich als einen 'Fall' vorab schon gedacht hat. "‚Der Fall’ ist alles, was sich in Sätzen aussagen läßt. Die Grenze meiner Sprache ist die Grenze meiner Welt." Oder: wirklich ist, was in den Kalkül paßt. So hat es Wittgenstein nicht gemeint?  Darauf lief es aber hinaus.

Ob das die gebotene Konsequenz aus der Logik der positiven Wissenschaften war, sei dahingestellt. Jedenfalls ist es eine Inversion ihrer Entwicklungsgeschichte. Denn alle Wissenschaft ging aus der Philosophie hervor, und beide sind gleichermaßen spezifisch abendländisch. Weisheitslehren, die künden, was wahr ist, kann es viele geben. Der platonische Sokrates nannte sich nicht einen sophos, nicht einen Weisen, sondern einen philosophos, einen Freund der Weisheit, der die Wahrheit sucht wie Eros die Schönheit, weil er sie nicht hat. Die asiatischen und sonstwelchen 'Philosophien' werden bloß mißbräuchlich so genannt. Das abendländische Denken zeichnet aus, daß seine Wahrheiten nur geprüft gelten. Und eben nicht nur geprüft von mir, sondern überprüft von den andern. Kritizität ist sein Quale. Öffentlichkeit ist ihre sachliche Voraussetzung. Das macht die Wissenschaftlichkeit abendländischen Wissens aus: Es ist öffentlich und eo ipso kritisch.

Das wissenschaftliche Denken wurzelt, nach Husserls Worten, in dem "festen Willen, keine Erkenntnis gelten zu lassen, es sei denn aus absoluter Rechtfertigung". Doch der beginnt nicht erst bei Plato. Die Frage nach dem-Wahren-selbst war seit Thales Ursprung und Angelpunkt des abendländischen Denkens. Die veränderliche Erscheinung trügt, in ihr liegt verborgen, was eigentlich ist; das Wasser, der Geist, das Grenzenlose… Alles  Werden ist  Sinnestäuschung. "Ist oder ist nicht": Wahr ist das ewige Sein, sagt Parmenides. Zugänglich ist es nur dem Denken,  "denn dasselbe ist Denken und Sein" (fr. 8). Sein Prüfstein ist das Argument, nicht das Meinen oder die Erleuchtung.

Die Frage nach dem wahren Sein ist die Frage, wonach sich mein Leben in der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen richten soll. Man erkennt es beim Vergleich mit Heraklit, gegen den Parmenides sich kehrt: "Die Sonne ist neu an jedem Tag" (fr. 6); hinter dem Werden ist Nichts, wahr ist der Schein. Das möchte man einen heroischen Nihilismus nennen; ein aristokratisches Leben auf eigne Faust, das sich nicht jeder leisten kann, "Artistenmetaphysik". Die Erwartung, daß der Sinn der Welt zwar verborgen, aber jedenfalls in ihr liegt, macht dagegen auch kleinen Leuten Mut. Nicht anders konnte die Arbeitsgesellschaft siegen, nicht anders konnte Europa die Welt erobern.

Die Erkenntnis, daß nach dem Sinn gefragt werden muß, war die Geburtsstunde des Abendlands. Zeitgenosse von Heraklit und Parmenides war Aischylos,  der als erster die Schuld der Menschen zum Thema gemacht hat; nämlich daß sie ihre Wege selber wählen. Es wurde zum Thema der westlichen Kultur. Man mag auch meinen, es sei die Conditio humana selbst. Nur wurde sie nicht überall ihrer bewußt.

Wie Wissenschaft entstanden ist

Wissenschaft gibt es nicht an sich, etwa im Unterschied zu andern möglichen Weisen des Meinens und Urteilens als deren Idealtyp, zu dem diese nur die mangelhaften Vorstufen bilden und zu deren Vollkommenheit sie alle zu streben hätten, so daß  jene zum Schluß Alles umfaßt: Ich kann Dinge wissen, die der Wissenschaft ewig verschlossen bleiben. Auch ist nicht jede gut sortierte Anhäufung von Gewußtem gleich Wissenschaft. Die Himmelskunde der Babylonier, die doch auf genauer, geduldiger und systematischer Beobachtung beruhte, war so umfassend, daß sie vom Abendland zweitausend Jahre lang nicht zu überbieten war. Aber sie diente bloß den Astrologen. Einen andern Sinn kannte sie nicht. Wissenschaft ist auch nicht wahres Wissen im Unterschied zum Irrtum. "Ein Satz ist wahr oder falsch – gleich-gültig, ob er bewiesen ist oder nicht, ob er unbeweisbar ist, eventuell sogar beweisbar unbeweisbar ist, ob er direkt oder indirekt, so oder anders bewiesen wird", sagt Max Scheler. Spezifikum der Wissenschaft ist aber gerade: daß dort bewiesen wird. Wissenschaft entsteht, wo ein Bedarf an bewiesenem Wissen auftritt; einem Wissen, das sich so mitteilen läßt, daß es die Andern zum Einverständnis nötigt. Ein solcher Bedarf entstand typischerweise – und nur – in der modernen westlichen, der bürgerlichen Gesellschaft.

Die bürgerliche Gesellschaft ist wesentlich öffentlicher Raum. Aber die öffentliche Meinung ist "von Natur" gespalten. Wissenschaft vermag das Feld des Meinungskampfs einzuengen, indem sie Einverständnis erzwingt. Sie istöffentliches Wissen. Ihr Aufstieg im Zeitalter der Moderne war das politische Ereignis par excellence. Je mehr Bereiche des öffentlichen Lebens von Wissenschaft durchdrungen werden, umso weiter reicht das Feld politischen Einverständnisses. Nichts anderes bezeichnet Max Webers Wort von der "Rationalisierung der Welt".

Ihre das Einverständnis erzwingende Macht verdankt Wissenschaft ihrem systematischen Fortschreiten von der Sicherung ihres logischen Grundes hier – zur begrifflichen Erfassung ihres Gegenstands da. Reale wissenschaftliche Forschung bewährt sich als die alltäglich immer neu zu leistende Vermittlung zwischen ihrem Grund und ihrem Gegenstand. So kann es scheinen, als sei "die Methode" selber die Wissenschaft. Das verdanken sie beide ihrem Stifter. Descartes unterschied zwei Substanzen in der Welt, res extensa und res cogitans. Dies ist das Grundmuster des modernen Weltbilds: da das unendlich ausgedehnte, von allgemeingültigen Gesetzen regierte Universum, und hier das souveräne Subjekt. Erkenntnis ist möglich, weil sie von ihrem gemeinsamen Schöpfer mit demselben Gesetz ausgestattet sind. Was findet nämlich die denkende Seele, wenn sie, von allen sinnlichen Eindrücken absehend, sich selber auf den Grund geht? Die klaren und eindeutigen Verfahren der Mathematik, als der reinen Anschauung räumlicher Verhältnisse. Descartes machte Epoche, als er sich "entschied, nichts für wahr anzunehmen, was mir nicht so klar und so gewiß erschiene wie die Demonstrationen der Geometer".

Wissenschaft bedeutet seither: die Welt more geometrico rekonstruieren, und Vernunft heißt, sich nach mathematischem Muster logische Beziehungen wie räumliche Verhältnisse denken. Das gemeinsame Dritte von Logik und Natur bietet die euklidische Fiktion eines absoluten Raumes: Auf dieser "Verräumlichung" des modernen Bewußtseins (Gf. Yorck) beruht ein Kausalitäts-Begriff, der dem Modell der klassischen mechanischen Physik nachgebildet ist und das Alltagsbewußtsein  des Normalabendländers (und auch das manchen Naturwissenschaftlers) bis heute prägt, und noch die Zeit erscheint als eine zu durchmessende Strecke.[3]

Anschaulich konstruiert

Zum Inbegriff der Wissenschaft wurde die Physik, indem sie im 17. Jahrhundert ihren über Jahrtausende verstreut abgelegten Wissensbestand durch methodisches Einordnen in das Spannungsfeld zwischen (zu sicherndem) Grund und (zu bestimmendem) Gegenstand zu einem System bildete. Nicht Forschung hatte physikalische Kenntnisse erworben, sondern die praktischen Kühnheiten der Handwerker, Baumeister, Seefahrer und Soldaten. Die waren nicht öffentlich, sondern wurden sorgsam gehütet in zünftigen Werkstätten, Dombauhütten, Kontoren und Fürstenhöfen. Und hätte man sie veröffentlichen wollen ja wie denn? Erst mit dem Buchdruck wurde ein Speicher erfunden, der das Wissen allgemein zugänglich macht.

Mit der Renaissance wuchsen die Kenntnisse auf allen Gebieten explosionsartig. Schrittmacher der Physik waren die Uhrmacher für die Mechanik, die Optiker und Seeleute für die Himmelsphysik, die Festungsbauer  für die Statik, die Kanoniere für allerlei... Daß daraus Wissenschaft wurde, bedurfte es des Eingriffs der Mathematik. Die mittelalterlichen Scholastiker hatten mit ihrer gnadenlosen Logik der Wissenschaft den Boden bereitet, das sei nicht vergessen. Nichts ließen sie gelten, als was mit überprüfbaren Gründen bewiesen wurde, und ihre Disputationen fanden öffentlich statt. Der kritische Grundsatz Nil in verbis, den Newton zum Wahlspruch der Royal Society wählte, entstammt dem scholastischen Universalienstreit. Dennoch ist die Naturkunde nicht an den Universitäten zur Wissenschaft erwachsen. Es ist wahr, daß die Schulphilosophie ihr hinderlich im Wege stand. Aber nicht, weil sie Philosophie war, sondern weil sie aristotelisch war. Als ein Naturphilosoph kam, der absichtsvoll hinter Aristoteles auf Platon zurückgriff, nämlich auf  die Ideenlehre  und – damit verbunden – die Wertschätzung der Mathematik als 'reiner Anschauung',[4] nahm die Wissenschaftliche Revolution ihren Anfang. "Die großartige Neugestaltung der Naturwissenschaften des 17. Jahrhunderts war", nach Husserl, nicht durch die  Einführung des Experiments als vermeintlich eigener Erkenntnisquelle, sondern "durch logische Reflexion bestimmt": Das Buch der Natur "kann nur gelesen werden mit Hilfe der Mathematik", sagt Galileo, denn "seine Lettern sind Triangeln, Quadrate, Kreise, Kugeln, Kegel, Pyramiden und andere mathematischen Figuren".[5]  Danach erst kam Descartes.

Die Mathematik ist nicht, wie unsere eigne Schullaufbahn meinen macht, aus dem kleinen Einmaleins hervorgegangen. Zwar hatten die Babylonier all ihr Interesse auf die Arithmetik gewandt. Doch Mathematik wurde daraus, als die Griechen die Zahlen in den Dienst der Geometrie, der Anschauung räumlicher Verhältnisse nahmen. Das Leitbild der Mathematik, die vollkommene Gestalt, ist ästhetisch. Ihre Verfahren sind Anschauung und Konstruktion. Auf sinnliche Erfahrung ist sie nicht angewiesen. Sie begründet sich aus sich selbst: durch ihre Operationen, und nur darum konnte sie zur Grundlage der allgemeinen wissenschaftlichen Methode werden – "die Naturerscheinungen auf mathematische Gesetze zurückzuführen," wie Newton sagt. Und nur darum galten die Konstruktionsregeln der Mathematik fortan "als allgemeingültige Naturgesetze, von denen die Dinge selbst geformt werden": weil der Schöpfer es auch nicht anders getan haben kann, als wir es selbst getan hätten.[6]  Für eine Welt, die vor allen Dingen machbar sein soll, liefert dieses rein konstruktive Fach die ideale Metapher. Es macht eine besondere Metaphysik fortan überflüssig, wie Hobbes, der als erster das Wissenschaftsprogramm der Neuzeit umfassend formulierte, früh erkannte[7] (und Husserl erst viel zu spät). 

Die Grenze

Die größte Leistung der Wissenschaft war die industrielle Revolution. Mit ihr trat seit Mitte des 18. Jahrhunderts das wirtschaftliche Geschehen in den Mittelpunkt öffentlichen Streits. Wenn sich Descartes’ wissenschaftliches Programm irgendwo zu bewähren hatte, dann hier. Das meinte der Arzt Dr. Quesnay und ging daran, die Wirtschaftstätigkeit der Menschen nach physikalischem Vorbild als ein naturgesetzliches System zu fassen: So wie im lebenden Körper das Blut, so zirkulierten in der Gesellschaft die Werte. Als deren 'Grund' machte er die Produktivkraft der Natur, des Ackerbodens aus. Sein System  hatte aber den Mangel, daß aus der Produktivität des Bodens den Werten kein Maß erwachsen konnte. An ihre Stelle setzten Smith und Ricardo daher die Produktivität der Arbeit. Das "Wertgesetz" lautet: Die Waren tauschen sich gegen einander nach Maßgabe der in ihnen dargestellten Arbeitsmenge. Diese Ökonomie war politisch in einem unerwarteten Sinn. Ließ sich nämlich die bürgerliche Gesellschaft als geschlossenes System darstellen, das sich durch ebenso natürliche wie vernünftige Gesetze selbst-begründet, so erschien sie als gerechtfertigt – gegen den untergehenden Erbadel so wohl als gegen das aufstrebende Proletariat.

Politisch waren auch die Motive für die Kritik daran. Doch deren 'Methode' bestand zunächst nur in dem Versuch, das 'System' abschließend darzustellen. Was zeigte sich aber? Zu Grunde liegt ihm in Wahrheit ein "fehlerhafter Kreislauf": Was erklärt werden sollte, wird schon vorausgesetzt! Wenn nämlich die Arbeit in den Austauschprozeß der Werte (=Waren) als Maß eingreifen soll, dann muß sie selber regelmäßig als Ware ausgetauscht werden. Mit andern Worten, das Wertgesetz setzt Lohn-Arbeit voraus. Es setzt voraus, daß eine Klasse von Leuten entstanden ist, die nicht die Mittel haben, ihre Arbeit in Gebrauchsgütern zu vergegenständlichen, die sie mit andern tauschen könnten, und darum die Arbeit selbst als Ware veräußern müssen. Setzt voraus, daß die Masse der Bevölkerung von ihrer angestammten Scholle vertrieben war. "Die Expropriation des ländlichen Produzenten, des Bauern, von Grund und Boden bildet die Grundlage des ganzen Prozesses", schreibt  Marx. Das war kein naturgesetzlicher und kein ökonomischer Vorgang, sondern ein Gewaltakt, ein einzigartiges historisches Ereignis. Das 'System' hat sich nicht 'selbst begründet', der 'Wert' ist nicht aus dem 'Gesetz' hervorgegangen, sondern aus einem ungleichen Kräfteverhältnis, und die Politische Ökonomie hatte die bürgerliche Gesellschaft nicht gerechtfertigt, sondern fix und fertig vorausgesetzt. Das Erklärungspotential der Gesetzeswissenschaft war an eine Grenze gestoßen, und seither bedeutet Politische Ökonomie wieder dasselbe wie unter Ludwig XIII., als das Wort erstmals auftrat: die Lehre von der klugen Haushaltsführung der Regierungen…


Begriff, Bild, Absicht

Die Politische Ökonomie konnte offenbar nicht in derselben Weise Wissenschaft werden wie die Physik. In dieser wirken Naturgesetze, aber in jener wirken lebendige Menschen, und auf deren Gesetzestreue ist kein Verlaß. Man kann auch sagen: Im Menschenleben gibt es Freiheit, die sich nicht berechnen läßt. Die Menschen machen ihre Geschichte zwar nicht unter selbstgewählten Bedingungen, sagt Marx, aber sie machen sie selbst. Darum wurden die Naturwissenschaften, in denen Phänomene aus ihren Ursachen erklärt werden, von den sogenannten "moralischen" oder Geisteswissenschaften unterschieden, die Handlungen aus ihren Motiven verstehen wollen: In jenen beschäftigt sich der denkende Mensch mit den Dingen außer ihm, und in diesen beschäftigt er sich mit sich selbst. Doch diese Unterscheidung ist nur vorläufig, denn sie läßt sich nicht bestimmen. Auch aus den Dingen lesen wir ja nur heraus, was wir vorher von ihnen erfragt haben, unsere Absichten stecken immer auch schon drin. Und vollends undurchführbar erwies sich die Unterscheidung an der großen Modewissenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts, der Psychologie; weshalb sie noch unlängst an den philosophischen und medizinischen Fakultäten doppelt vertreten war. Die gegenwärtige Hirnforschung gar verkehrt die Not zu einer Tugend und wirft sich zur Herrin von Beiden auf: "Einheitswissenschaft"!

Daher wurde vorgeschlagen, die Wissenschaften nicht von ihrem Gegenstand, sondern  von ihrem Erkenntniszweck, d. h. von der daraus sich ergebenden Methodik her zu unterscheiden. Die einen, nomothetischen, suchen Gesetze – nomoi – aufzustellen, die anderen, idiographischen, suchen Einzelnes – idion – zu beschreiben. Die einen suchen in den Dingen solches, das ihnen gemeinsam ist, die andern solches, das sie unterscheidet. Bei den einen wäre das Eingangsproblem dasselbe wie bei den andern: die prozessierende Vermittlung  von 'Grund' und 'Gegenstand'. Während aber die Vermittlung bei den "Gesetzeswissenschaften"  diskursiv verläuft (wenn–dann, weil–darum), weil nämlich ein Begriff an beiden Enden steht,[8] haben die "Ereigniswissenschaften" auf der Gegenstandsseite ein Bild ("Gestalt", sagt Windelband), zu dem sie eine gründende Idee erst finden müssen. Und das geschieht nicht diskursiv, sondern intuitiv.  "Wissenschaft ist Kunst", pflegte der ungarische Geiger Sándor Végh zu sagen, und man darf annehmen, daß die reelle Forschungstätigkeit auch in den nomothetischen Fächern zunächst einmal zwischen Bildern und Ideen 'schwebt'. Doch ob letztlich Wissenschaft daraus wird, hängt gerade davon ab, ob sie sich, wenn sie zu einem Ergebnis gekommen ist, auf diskursive Weise darstellen läßt: so daß sie zum Einverständnis zwingt. In diesem Sinne können die idiographischen Fächer niemals Wissenschaft werden, und das liegt nicht an der Methode, sondern doch am Gegenstand, der nämlich keine andere Methode erlaubt. "Der große Vorteil, den die mathematischen Wissenschaften über die moralischen haben, ist, daß die Vorstellungen der ersten immer wahrnehmbar und deshalb immer klar und deutlich sind", sagt  David Hume. "Das gleichseitige und das ungleichseitige Dreieck sind durch Grenzbestimmungen voneinander getrennt, schärfer als Tugend und Laster, Recht und Unrecht." Das 'Bild', zu dem ich die idia füge, kann ich daher nur durch die 'Idee' rechtfertigen, die ich ihnen unterlege. Der Eindruck, daß es – beispielsweise – in den Sozialwissenschaften um das Erkennen von Gesetzen ginge, rührt nur daher, daß die idia, mit denen sie zu tun hat, Massenphänomene sind, aus denen man mit mathematischen Methoden Durchschnitte ermittelt; daß sie also statistisch dargestellt werden. Der Statistik zu Grunde liegt aber kein (seinerseits begründeter) Begriff, sondern eine Zweckidee, und die habe ich nicht aus einer Wahrnehmung hergeleitet, die ich Andern faktisch demonstrieren könnte, sondern (mit Max Scheler zu reden) aus einer "Wertnehmung", die ich allenfalls gestisch bekunden kann. Andere kann ich unter Umständen dafür gewinnen und eine Entscheidung erkämpfen, politisch. Aber nicht wissenschaftlich erzwingen: "doch Kunst ist keine Wissenschaft", fügte Sándor Végh hinzu. De singularibus non est scientia, sagten die Scholastiker…

Wo die idiographischen Fächer positiv sein wollen, können sie es nur erzählend werden; und wird es ihnen an ihren Enden, nach Extension und Intension hin, immer wieder an Bestimmtheit fehlen, so daß  sie immer nur vorläufig bleiben und die Bezeichnung Geisteswissenschaft auch nicht schlechter wäre als eine andre. Bestimmtheit und Wissenschaftlichkeit in einem bestimmten Sinn gewinnen sie nur als Kritik, denn die holt ihre scharfen Begriffe nicht aus einem unbestimmbaren Erleben, sondern (wie die Mathematik) aus sich selbst. Es gebe keine Wissenschaft vom Schönen, sagt daher Kant, sondern lediglich Kritik des Geschmacks. Die Kritik der Politischen Ökonomie war Wissenschaft, politische Ökonomie ist es nicht. Der Pädagogik wird es auch so gehen.

Kritik

In den idiographischen Fächern tritt offen zu Tage, was die nomothetischen  so lange verschämt hinterm Berge hielten: daß es kein Wissen gibt ohne eine Absicht, die es "urhebt".  Allerdings gibt es einen Fundus von gemeinsamer, über-individueller Absichtlichkeit, der den individuellen Absichten vorausgesetzt und in der Sprache gespeichert ist, die – als Ganze genommen – sehr wohl ein 'Bild der Welt' zeichnet und in der (per Definition) alles vorkommt, was 'der Fall' ist. Sie ist aber nur das Bild einer Welt: von 'unserer' Welt, über die wir uns verständigen müssen, weil wir in ihr mit einander gemeinsame Zwecke betreiben. Das diskursive Denken, das festgelegte Symbole folgernd miteinander verknüpft und das wir brauchen, um miteinander zweckmäßig verkehren zu können, ist auch nicht das ganze Denken. Nicht einmal das 'ursprüngliche'. Das ursprüngliche Denken verläuft turbulent und in Bildern. Es ist qualitativ, aber unbestimmt. Es ist vorstellend, bevor es kalkulierend werden kann.  Kombinierend und zerlegend wird das Denken erst durch die Habitualisierung des Kalküls im jahrtausendelangen planvollen Alltagsleben der Arbeitsgesellschaft. Der ist Medium und Substanz des Verkehrs gleichermaßen.

Praktisch ergibt sich freilich auch ein Erfordernis zur Selbst-Verständigung erst aus den Bedürfnissen des Mitteilens – wo es die Mittel dazu auch gleich vorfindet. Weil es gegenüber dem eigentlich produktiven, qualitativen Vorstellen genetisch sekundär ist, ist das diskursive Denken aber nicht zweitrangig: Es ist das Medium der Reflexion, die prüft, urteilt, kritisiert. Kritik ist selber Erkenntnis, und "produktiv". Zwar fügt sie dem Vorstellen, das sie fest-stellt,  material nichts hinzu. Aber sie klärt, "wie es zu nehmen ist". Genauer gesagt: wie nicht. Sie ist 'bestimmend' in einem negativen Sinn.

Alles vernünftige Denken beruht auf Voraussetzungen – von denen der größere Teil uns gar nicht zu Bewußtsein kommt, weil er für selbstverständlich gilt. Die Voraussetzungen des vernünftigen Denkens aufsuchen und aussprechen, das ist die Arbeit der Kritik. Wenn sie radikal ist, stößt sie irgendwo auf Voraussetzungen – vielleicht nur eine einzige –, die sich nicht mehr feststellen noch überprüfen lassen, weil sie selber jedem vernünftigen Denkakt zu Grunde liegen. Da ist die Vernunft an die Grenze gestoßen, hinter die sie nicht zurück kann. Die Vernunft setzt, wenn sie denn sein soll, sich selbst voraus.

Es ist tatsächlich nur eine Voraussetzung: X setzt sich, indem es eine Welt setzt, selbst als Ich. Es setzt die ganze Welt. Denn eine Welt ist kein Aggregat von Dingen, sondern der Raum der Bedeutungen, und die "sind" nicht, sondern wurden gemeint. Es seien aber die Bedeutungen von Dingen? Ja ja. Aber nur als bedeutende kommen Dinge überhaupt vor, anders "gäbe es" sie gar nicht.

So ist das schon in den Umwelten der Tiere. Deren Bedeutungen sind dem Tier durch die Zugehörigkeit zu seiner Gattung evolutionär angestammt, es muß sie nicht erst meinen. Der Mensch hat seine Umweltnische und ihre Bedeutungen im ostafrikanischen Graben zurückgelassen und ist in die Weite gezogen. Da mußte er allem, was ihm begegnete, eine Bedeutung neu anerfinden, und so kam die Welt zu Stande. Denn die Bedeutungen, die Tausende von Generationen vor uns erfunden haben, sind in den Sprachen sedimentiert und bilden unsere Welt. Der Satz: Die Grenzen unserer Sprachen sind die Grenzen unserer Welt – wäre ziemlich korrekt. Doch könnte es unsere Welt nicht geben, würde nicht ein Jeder – jeder, der Ich sagen kann – ihre Bedeutungen jedesmal durch Verstehen neu realisieren und selber meinen. "Es gibt" unsere Welt also nur, indem und sofern ich sie zu meiner mache. Zwar nicht zweitrangig, aber genetisch sekundär ist auch unsere Welt gegenüber meiner Welt. Und  sie erschöpft sie nicht.

Noch einmal: zwei Welten

Es fällt schwer, eine Welt anders als in räumlichen Metaphern zu beschreiben – so als ob sie nur eine erweiterte Nische wäre. Aber der Unterschied zwischen der Welt und einer Umwelt ist kein topischer, sondern ein dimensionaler. Ebenso der zwischen meiner Welt und unserer Welt. Theoretisch könnte unsere Welt restlos in der meinen aufgehen, praktisch kann sie es nicht, und zwar grundsätzlich. Unsere Welt, in der Wasser trinkbar ist und man damit Kaffee kocht, ist einigen Milliarden Menschen zugänglich. Unsere Welt, in der Wasser durch H2O symbolisiert ist, steht nur noch einigen hundert Millionen offen. Die Wissenschaften als das schlechthin öffentliche Wissen, in dem unsere Welt par excellence dargestellt ist, sind in ihren jeweiligen Spitzen gerade einer Handvoll Leuten zugänglich, die ihr ganzes Leben darauf verwendet haben, jeder auf die seine. Weil meine Lebenszeit begrenzt ist, kann die ganze Wissenschaft in meiner Welt grundsätzlich nur als eine Erzählung Anderer vorkommen.

Meine Welt "ist" auch in unserer Welt. Zum Beispiel ist die Welt eine ganz und gar andere, je nachdem, ob der (die, das) Geliebte darin vorkommt oder nicht. Für unsere Welt macht das keinen Unterschied – nämlich nicht für die andern. Aber für mich macht das gerade in unserer Welt den entscheidenden Unterschied, weil ich nur dort auch in seiner Welt bin. Doch kann meine Welt, so wahr sie meine ist, auch theoretisch nicht restlos in unserer Welt aufgehen, das ist der springende Punkt, denn darum bin ich Ich. Das ist keine Sache der Tiefenpsychologie: dort kann es Erfahrungen geben, sogar (wenn auch nicht in Sätzen) mitteilbare. Keine Erfahrung kann ich haben von meinem Denken, wie es war, bevor ich die turbulenten Bilder in Symbolen festgestellt, in Sätzen ausgesagt und zum Diskurs verknüpft habe. Ich kann nur rekonstruieren, "wie es gewesen sein muß", indem ich es so beschreibe, wie es gewesen wäre, wenn es in unserer Welt stattgefunden hätte, als Schema. Das ist Philosophie. Transzendentalphilosophie: kein Tatsachenerweis, sondern eine Sinnbehauptung. Ein endgültiger und "letzter Mythos": die Geschichte, die "von dem spielenden oder abenteuernden oder bildnernden Ursubjekt handelt“, schrieb Hans Blumenberg in seinem Magnum opus. 

Verum et fictum convertuntur

Logisch ist das ("transzendentale") Subjekt der Urheber der Bedeutungen. Das kann die Kritische Philosophie einem empirischen Ich theoretisch einsichtig machen. Dessen praktische Aufgabe, gleichzeitig in seiner und in unserer Welt sein Leben zu führen, wird dadurch nicht einfacher, im Gegenteil. Seinen eigenen Produktionen kann es danach nicht mehr vertrauen, denn es kennt seine eigne Kontingenz. Dazu bräuchte es schon ein Anderes, das es 'sich-selbst' als seinen Grund 'voraus-setzen' kann und ihm seine Gültigkeit verbürgt. Zur transzendentalen Synthesis, die die Sinnesdaten zu einer Erfahrung fügt, gehört die Prämisse, "daß es Wahrheit gibt". Das ist ihre Bedingung, und ist schon die Synthesis Bedingung der Erfahrung und kann folglich im wirklichen Wissen selber nicht vorkommen, so erst recht nicht die Bedingung der Bedingung.

In der Reflexion kann ich sie mir allerdings denken: als reine Form des 'Geltens-an-sich'. Daß der menschliche Geist "notwendig etwas Absolutes außer sich setzen muß und dennoch von der andern Seite anerkennen muß, daß dasselbe für ihn da sei, ist derjenige Zirkel, den er ins Unendliche erweitern, aus welchem er aber nicht heraustreten kann. Es ist nur da, inwiefern man es nicht hat, und entflieht, sobald man es auffassen will. Über diesen Zirkel hat man nun nicht Ursache, betreten zu sein," sagt Fichte. "Verlangen, daß er gehoben werde, heißt verlangen, daß das menschliche Wissen völlig grundlos sei, daß es gar nichts schlechthin Gewisses geben, sondern daß alles menschliche Wissen nur bedingt sein, und daß kein Satz an sich, sondern jeder nur unter der Bedingung gelten solle, daß derjenige, aus dem er folgt, gelte. Mit einem Worte, es heißt behaupten, daß es nur vermittelte Wahrheit gebe – und ohne etwas, wodurch sie vermittelt wird." Das absolute Wodurch ist nicht gegeben, sondern denknotwendig, nicht Faktum, sondern Fiktum. Es könne "nur eine Idee sein; ein bloßer Gedanke in uns, von welchem gar nicht vorgegeben wird, daß ihm in der wirklichen Welt außer uns etwas entspräche. Ideen können unmittelbar nicht gedacht werden. Sie sind Aufgaben eines Denkens, und nur, inwiefern wenigstens die Aufgabe begriffen werden kann, kommen sie in unserm Bewußtsein vor."

Unum, verum, bonum, pulchrum: Das Eine Absolute ist keine logische, es ist keine ethische, es ist eine ästhetische Idee. Es ist sogar die ästhetische Idee schlechthin. Was sollte denn, jenseits von seiner brauchbaren Richtigkeit, am Wahren besser sein als das Unwahre? Was sollte, jenseits von seinen gesellschaftlichen Vorteilen, am Guten besser sein als das Böse? Es ist genau das, was am Schönen schön ist: daß es ohne Interesse gefällt. Das Eine Wahre, Gute, Schöne ist nichts vorfindlich Wißbares, sondern eine Absicht, die sein soll und die wirkliches Wissen allererst "urhebt".

Nur weil der Mensch ein Leben führt, dessen Sinn weit über seine bloße Erhaltung hinaus reicht (wenn er es will), hat er das Problem der Freiheit. Ob er es will, ist damit nicht entschieden. Wenn einer sagt: Die Befriedigung meiner Bedürfnisse wäre mir genug – wie kann ich ihm widersprechen? Es gibt noch viele, die sich mehr gar nicht leisten können. Aber eine Kultur, der verknappter Luxus schon als Not erscheint, lebt im Überfluß. Dieses ist eine Sinnbehauptung: Es sollte eine Welt des Reichtums entstehen, damit Menschen in die Lage kommen, ihre Freiheit bestimmen zu können. Nur darum gibt es die Frage nach der Wahrheit. Aber die ist ein Paradox. Nur, wiefern es wenigstens als Aufgabe begriffen wird, kommt es in unserm Bewusstsein vor. Oder anders, die Frage ist selber die Antwort.

Es ist nicht so. Aber so muß ich es mir vorstellen, wenn ich mir überhaupt Etwas vorstellen will. Das Wissen kann seinen eignen Grund nicht erkennen. Es muß ihn sich einbilden. Der höchste Akt der Vernunft sei ein ästhetischer, hieß es im Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus. Ob er wirklich stattgefunden hat, ist nicht entscheidend. Es scheint uns so, als ob er stattgefunden hätte. Er ist so wahr wie ein Mythos sein kann. Will sagen, er muß sich bewähren.

Bewähren in Sonderheit in meinem täglichen Tun und Lassen, als rechtes Handeln. "Die Ethik ist transzendental", sagt Wittgenstein, um gleich hinzu zu fügen: "Ethik und Ästhetik sind eins." Und es sei klar, daß sie sich als solche "nicht aussprechen" lassen...

Recht und Rechtfertigung

Wahr ist alles, was funktioniert, und solange, wie es funktioniert: Das war ein brauchbares regulatives Prinzip einer exakten Naturwissenschaft, die Forschung um ihrer technischen Verwertung willen trieb. Als Zweck der Wissenschaft definierte der Pragmatismus ausdrücklich: Vorhersagen machen. Das mochte einem Chemiker des  neunzehnten Jahrhunderts genügen; einem Astrophysiker und Kosmologen unserer Tage nicht. Das ist nicht postmodern, sondern veraltet. Es gibt keine Grundlagenforschung ohne die Frage nach Wahrheit (peiristisch, gewiß doch).

Soviel zum Theoretischen. Wo es aber ans Praktische geht, wird die Freigeisterei politisch korrekt und schal wie kalter Kaffee: "Ein Erster Grund, den sich jeder selber setzt? Das hieße der Beliebigkeit Tür und Tor öffnen!" Kratze an einem Konstruktivisten und du triffst einen Philister. Wenn sich einer 'seinen' Grund als ein Absolutes setzt – wird es dadurch zu einem Relativen? Muß ich Eines, um es als mein Absolutes setzen zu dürfen, zugleich als das Absolute der Andern erkennen können? Weil Eines, um mir absolut gelten zu können, von Andern als absolut anerkannt worden sein muß? Ich dürfte also immer nur das Absolute der Andern anerkennen!

Für das Ästhetische behauptet das keiner. Vom Sittlichen denken es Alle. Warum? Weil sie meinen, der Zusammenhalt des Gemeinwesens hinge davon ab. Sie verwechseln es mit dem Recht. Das freiheitlich-demokratische Gemeinwesen beruht – nicht in der Wirklichkeit, aber wir sehen es so an, als ob: Das macht seinen Sinn aus – auf dem freien Vertrag autonomer Subjekte. Ein Unbedingtes, worüber sich zwei verständigen konnten, wird ipso facto ein Bedingtes: So 'rum wird ein Schuh draus. Das Absolute ist weder konsensfähig noch konsensbedürftig.

Die Sittlichkeit sagt, was ich mir selber schulde, das Recht sagt, was ich andern schulde. Dieses ist meine Pflicht, jenes sind die Ansprüche der andern gegen mich. Über jene müssen – und können – wir uns verständigen, über diese nicht. Mein erster, letzter, absoluter Grund muß mich, als rechtes Handeln, vor mir rechtfertigen. Ich muß mich dann in der Welt rechtfertigen – per Verhandlung und Vertrag, wenn’s sein soll. Das ergäbe einen Nachtwächterstaat ohne Pathos und Würde? Sein Pathos und seine Würde ist, daß er die Freiheit einer jeden Person, sich zu ihrer eignen Pflicht zu bestimmen, zu seinem Rechtsgrund macht. Ist das wem zu wenig, soll er's sagen.

Man muß wetten

Wissenschaftlich gesehen, ist das Leben Stoffwechsel plus Fortpflanzung. Die Aufgabe des Gemeinwesens als einer Art Natur höherer Ordnung ist: die Bedingungen für Stoffwechsel und Fortpflanzung optimieren. Meinem Leben einen Sinn zu geben fällt nicht in sein Ressort. Sinn ist ein Thema aus meiner Welt, nicht aus unserer. Allerdings ein unergründliches. Der Sinn des Lebens ist, daß ich danach frage; mehr wird sich nie ausmachen lassen.

Ach, Leviathans Kinderfänger, die Pädagogen! "Die Menschen brauchen Orientierung!" Nein, gerade das brauchen sie nicht. Es muß sich jeder selber orientieren. "Die Aufforderung zur freien Selbsttätigkeit ist das, was man Erziehung nennt", sagt Fichte. Sie aber meinen in Wahrheit: Die Menschen sollen sich von ihnen orientieren lassen – ausgerechnet. Gottlob meinen sie’s nicht ernst. Ein Absolutes käme ihnen, Zeitgeist behüte, nicht in den Sinn. "Ein verbindlicher Werteunterricht" tut’s auch. Was sind "Werte"?  Die Scheidemünzen des Absoluten. Daß sie das Absolute zu Häppchen farcieren, macht die Sache nicht besser, denn irgendein Oberer würde deren Geltung ja doch verbürgen müssen. Oder sollen sie konsensuell ausgetrudelt werden, bis zum nächstenmal? Ein bißchen Wahrheit gibt es so wenig wie ein bißchen Unschuld. Doch ich habe eine Ahnung: Anything goes! Wahr ist, was funktioniert. Um den Ruf  unserer Schulen ist es nicht gut bestellt. Daß sie Menschen bilden, glaubt keiner. Nun ein neuer Schibboleth, ein weiteres Gadget, noch ein Bindestrich: Werte-Pädagogik! Man kann einen Ausbildungsgang dafür einrichten, mit C4-Professur. Wenn's funktioniert...

Ein öffentlicher Wertekatalog, der sich memorieren, abfragen und benoten läßt, ist ein Kanon der Unsittlichkeit. Unsittlich ist die Meinung, man dürfe auf ein eigenes Maß verzichten und müsse nur Regeln auf Fälle anwenden. Sittlichkeit ist ein Experiment. Denen, die an der Existenz Gottes zweifeln, hat Pascal eine Wette vorgeschlagen. Sie sollten nur immer so leben, als ob es Gott gäbe. Da würden sie in jedem Fall gewinnen. Wenn es ihn gibt, sowieso. Und wenn nicht, dann wären sie immerhin anständig durchs Leben gekommen und hätten auch gewonnen. Wenn alle so tun, als ob es Gott gibt, dann ist es so gut, als ob es Gott gäbe. "Gott wird, wo alle Kreaturen Gott aussprechen", predigte Meister Eckhart. Das Göttliche werde "konstruiert durch das Rechttun. Jene lebendige und wirkende moralische Ordnung ist selbst Gott. Wir bedürfen keines anderen Gottes und können keinen anderen fassen", erläuterte Fichte. "Ich glaube nicht, daß Gott da war, sondern daß er erst kommt," ergänzte zusammenfassend der Mann ohne Eigenschaften: "aber nur, wenn man ihm den Weg kürzer macht als bisher".

Doch von erlauchter Seite, es ist wahr, bekam er zur Antwort: "Das ist mir zu hoch."

im Frühjahr 2007

[1] Alle Philosophie sei Sprachkritik, sagt Wittgenstein schon im Tractatus; „aber nicht im Sinne Mauthners“! [4.0041]
[2] Sie gehörte allerdings auch zum Programm des DiaMat, und der war nicht arglos.
[3] Der absolute Raum hat nur eine Qualität: Er ist meßbar. So auch die absolute Zeit. Qualitativ sind beide dasselbe.
[4] Platon soll zeitweilig bei den Pythagoreern gewesen sein.
[5] Kriterium der Wissenschaft ist für Galileo das Messen. Das Experiment braucht er nur zur Abwehr der Gegner.
[6] schon bei Aristoteles, Physik II,8,199
[7] Darum gilt er als Materialist. Doch Robert Havemann hatte recht: Der mechanische Materialismus ist ein objektiver Idealismus – mit dem „Naturgesetz“ an der Stelle der platonischen Idee.
[8] Dem Gegenstand entspricht der  ‚Umfang’ (extensio), dem Grund der ‚Inhalt’ (intensio) des Begriffs.






Literatur

Th. W. Adorno, Zur Metakritik der Erkenntnistheorie; Ffm. 1972, Suhrkamp]

Hans Blumenberg, Arbeit am Mythos; Ffm. 1996, Suhrkamp

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- ders., Erkenntnis, Begriff, Kultur; Hamburg 1993 (PhB)

René Descartes, Discours de la méthode, Hbg. 1960 [frz./dt.] (PhB)

- ders., Meditationes de prima philosophia  [lat./dt.] Hamburg 1959 (PhB)

H. Diels (Hg.), Fragmente der Vorsokratiker, Hamburg 1957

Wilhelm Dilthey, ["Die Autonomie des Denkens, der konstruktive Rationalismus und der pantheistische Monismus nach ihrem Zusammenhang im 17. Jhdt." in:] Aufsätze zur Philosophie, Bln. (O) 1986

Meister Eckhart, Deutsche Predigten und Traktate, hg. von J. Quint; München 1963, Diogenes

J. G. Fichte, Über den Begriff der Wissenschaftslehre, in: Gesamtausgabe I/1

- ders., Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre, aaO

- ders., System der Sittenlehre in: Sämtliche Werke, Berlin 1971; Bd. IV

- ders., Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung, in: Sämtliche Werke,  Bd. V

Robert Havemann, Dialektik ohne Dogma? Reinbek 1964, Rowohlt

Thomas Hobbes, Grundzüge der Philosophie, 2. & 3. Teil: Die Lehre vom Körper; Leipzig 1918

David Hume, Untersuchungen in Betreff auf den menschlichen Verstand

Edmund Husserl, Formale und transzendentale Logik, Hamburg 1992, F. Meiner

- ders., Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie, Hamburg 1982, Meiner

Alexandre Koyré, Von der geschlossenen Welt zum unendlichen Universum; Ffm. 1980, Suhrkamp

- [ders., Études d'histoire de la pensée philosophique, Paris 1971]

Thomas S. Kuhn, Die Entstehung des Neuen, Ffm. 1977, Suhrkamp

Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. I; in: MEW Bd. 23

Antoine de Montchrétien, Traité d'économie politique (Rouen 1615)]

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Hamburg 1952, Rowohlt]

Robert Oppenheimer, Wissenschaft und allgemeines Denken, Hbg. 1955

Francois Quesnay, Ökonomische Schriften, Bln. (O) 1971]

David Ricardo, Über die Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung, Bln. (O) 1959]

Ivan D. Rozanskij, Geschichte der antiken Wissenschaft, Mchn. 1984, C. H. Beck

Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen, Mchn. 1978 (dtv)]

Max Scheler, [Erkenntnis und Arbeit, in:] Die Wissensformen und die Gesellschaft, Bern ³1980,

Stephen Toulmin, Voraussicht und Verstehen; Frankfurt/M. 1968

Hans Vaihinger, Philosophie des Als ob, Hamburg 1913

Paul Gf. Yorck v. Wartenberg, Bewußtseinsstellung und Geschichte, Tbgn. 1956 
Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tbg. 51972
Peter Winch, Die Idee der Sozialwissenschaft, Ffm. 1966

Wilhelm Windelband, Geschichte und Naturwissenschaft [in: Präludien, Tübingen 1907]

L. Wittgenstein, Tractatus Logico-philosophicus, Werke Bd. I, Frankfurt/M.

- ders., Vermischte Bemerkungen, Ffm. 1994, Suhrkamp]

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