Sonntag, 22. November 2015

Konsens und öffentliches Wissen.


nationalgeographic

Wissenschaft ist öffentliches Wissen, habe ich gesagt. Wissenschaftlich ist ein auf seine Gründe geprüftes Wissen. Das Medium der Prüfung ist Kritik. Öffentlichkeit ist eo ipso Kritik; eine ununterbrochene, immer wieder neu beginnende Überprüfung von Gründen.

Das ist keine Konsensfindung, sondern geradezu das Gegenteil. Der Konsens ist eine zufällige Anhäufung. Zufällig ist die Anzahl der Übereinstimmenden, zufällig ihre Zusammensetzung, zufällig sind die Meinungen, die sie mitbringen, zufällig sind die Meinungen, auf die sie sich verständigen. Da Verständigung gesucht wurde, blieb Kritisches unbenannt. Was richtig und was falsch ist, ist eine Sache bloßer Meinung, eine prüfende In-stanz gibt es nicht. 
Konsens ist angehäufte Privatmeinung. Sie können sich über lauter Falsches einig sein. Wenn sich eine Prüfung an der Realität ergibt, stieben sie auseinander.

Wissenschaftliche Öffentlichkeit verfährt nach dem Prinzip der biologischen Auslese. Erhalten bleibt nur, was sich bewährt, was sich nicht bewährt, wird ausgemustert. Allerdings nur, was sich nicht bewährt: was der Kritik nicht standhält. Nicht das, was nur momentan nicht verwendbar ist: In der Natur wird auch das ausgeschieden, obwohl es unter neuen Bedingungen – veränderten Auslesekriterien – vielleicht ;noch brauchbar werden konnte. In der Schriftkultur der Wissenschaft fällt das schlimmstenfalls in Vergessenheit; kann und wird wiedergefun-den werden, weil die Wissenschaftler konkurrieren und auch das Fernstliegende für die Karriere verwertet wird. Und selbst was einmal als endgültig widerlegt erschien, kann wieder zum Vorschein kommen - gerade weil seine Überwindung einmal als ein großer Sieg der Wissenschaft ins Kollektivgedächtnis eingegangen ist. Zum Beispiel die Wiederauferstehung von Lamarck im Zeichen der Epigenetik.


Konsensbildung ist eine zufällige Kumulation auf Widerruf, Öffentlichkeit ist systematische Reduktion und Revision auf Dauer. 


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